Experte von andern Gnaden

Winfried Schulze. Ein Experte für Bildungspolitik? Sieht man sich seine Referenzen an, könnte man das fast denken. Prof. Dr. für Geschichte und Politik, Direktor des Center for Advanced Studies an der LMU, Ex-Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Viele gewichtige Publikationen. Nicht schlecht.

Allein, seinen Äußerungen über die deutsche Hochschullandschaft kann man als interessierter Student möglicherweise nicht viel abgewinnen. Ich bin verdienten Frauen und Männern gegenüber nur äußerst ungern respektlos, aber rundheraus gesagt ist es einfach Quark, was der Mann redet. In diesem Fall hilft auch kein Prof. em. Dr.-Bonus.

Denn: Mehr Geld, mehr Elite, mehr Strukturvorteil, mehr Standortvorteil. Das sind die einzigen Kategorien, in denen Menschen wie Herr Schulze denken können und wollen, wenn sie die Universitäten im Sinn haben. Solange solche Leute im Wissenschaftsrat an den Hebeln sitzen, wird sich dort wohl nichts von alledem verändern, was die Studenten zum wiederholten mal auf die Straßen treibt.

O-ton Herr Schulz in der SZ: „Der richtige Weg kann nicht sein, dass jeder Bachelor-Absolvent im Master Programm studieren kann.“ Und: „Der eigentliche Grund für den Protest ist die strukturelle Unterfinanzierung des deutschen Hochschulwesens.“

Nein. So einfach, Herr Schulze, ist es leider nicht. Der eigentliche Grund des Protests ist NICHT die strukturelle Unterfinanzierung der Hochschulen. Die protestierenden Studenten (wir) wollen NICHT einfach nur mehr Geld. Nicht einfach nur für Geld haben wir uns  im Winter wochenlang in den Hörsälen verbarrikadiert. Nicht Geld stand auf den Papieren und Forderungslisten. Sondern Dinge wie: Zeit, Freiheit, Gelegenheit, Chancen. Chancen zu Projekten, die auch mal danebengehen und sich nicht gut im Zeugnis machen – Unmöglich in einem Bachelorstudiengang, der einem nach 2maligen danebenhauen in Modulprüfungen gleich die endgültige Untauglichkeit bescheinigt. Gelegenheit, auch mal Dozenten und Projekte außerhalb von anonymen Vorlesungen zu Gesicht zu bekommen – Unwahrscheinlich in einer universitären Mentalität, in der Gemeinschaft von Lehre und Forschung gerade noch auf dem Papier und real vielleicht noch für Zehntsemester aufwärts gilt. Freiheit, auch mal in andere Fächer und Veranstaltungen zu schauen, Sprachen und andere Selbstverständnisse kennen zu lernen – Mit 20 Kursstunden (reine Anwesenheit ohne Vor- und Nachbereitung) nur möglich für Sadisten oder Bummler, also entweder für Leute mit Hang zur 120 Stunden Woche oder für solche, die es sich leisten können oder wollen, den Pflichtveranstaltungen keine Aufmerksamkeit zu schenken.
Und Zeit, vor allen Dingen Zeit. Denn Zeit ist die kritische Ressource des Studenten, an der alles hängt, nicht Geld. Wir brauchen keine größeren, schöneren Hörsäle mit ganz viel WLAN, Videobeamer und Klimaanlage. Wir brauchen kein Elite-Austauschprogramm. Und in meinen Augen brauchen wir nicht mal ein Semesterticket. Wir brauchen Zeit. Würde die Regelstudienzeit für den Bachelor wieder auf 4 Jahre erhöht und würde allen, so sie denn wollen, ein Masterstudienplatz zugesagt, man hätte eine ganz neue Generation an motivierten, und wirklich kompetenten Wissenschaftlern, statt halbgebildeten mehr oder weniger subversiven Schwätzern, die in Weblogs über renommierte Staatsdiener lästern. Ähem.

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