Stichworte zur Semantik des Kapitals

Gleich allen sozialwissenschaftlichen Begriffen ist der Begriff vom „Kapital“ in erster Linie eine semantische Figur, deren Signifikat nicht wirklich existiert. Eine konstruktivistische Analyse der wechselnden Bedeutungen, mit denen der Begriff im Laufe seiner Entwicklung aufgeladen war, ist deshalb wichtig. Aber: Ein konstruktivistisch aufgeklärtes Verfahren kann nicht nur darauf abzielen, nur bestimmte Begriffe (am Ende gar nur die sozialwissenschaftlichen Begrifflichkeiten) als Semantiken zu entlarven. Vielmehr muss die Überlegung dahin gehen, dass das Kriterium der sinnlichen Erfahrbarkeit nicht viel über die „Wirklichkeit“ als eines Gegenstandes aussagt und dass nicht nur bestimmte Gegenstandsfelder (wie eben z.b. das sozialwissenschaftliche Feld) konstruiert sind, sondern alle (beispielsweise auch die physikalischen Gesetzte von Raum und Zeit). Deswegen sollte nicht nur die Kritik der politischen Ökonomie durch den Kapitalbegriff als Semantik aufgefasst werden. Stattdessen sollte man zurückgehen und auch die politische Ökonomie selbst – also sowohl ihre bürgerliche Reflexion sondern auch der sozusagen „materielle“ Gehalt (die Warenzirkulation, die Arbeitsprozesse, die Zirkulation der Kapitalien etc.) – miteinbeziehen. Eine radikale Rekonstruktion des Kapitalbegriffs müsste daher in letzter Konsequenz zu nicht weniger führen, als zu einer allgemeinen Theorie der menschlichen Reproduktion.

Dazu wäre ein Semantik-Modell nötig, dass mehr erfasst als nur die sprachlichen Aufladungen von Begriffen. Am Ende führt dies zu einer sozusagen allgemeinen Semiotik, die neben der Begriffsaufladung von Sprache und Zeichen auch die Bedeutungsaufladung von Handlungen erklären kann. Damit könnte dann nicht nur der Kapitalbegriff als Semantik, sondern auch das Phänomen selbst, welches dieser Begriff bearbeitet, semantisch beschrieben werden, beispielsweise die unterschiedlichen Bedeutungen von Tauschvorgängen in verschiedenen Gesellschaften. Es ist vorstellbar, dass diese Aufladungen kulturell abhängig sind. Max Weber führt das ja eigentlich in seiner protestantischen Ethik vor und löst das Problem der Kritik erst mal so, dass er eine Mauer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zieht und keine proskriptiven aus den deskriptiven Sätze folgen lassen will.

Ein solcher semantischer Ansatz – wie dann eben die ganze Soziologie – wird dann aber immer kritische Theorie sein: Denn dadurch, dass sie eben auch jene zugrundeliegenden Sprachgebräuche der (nicht nur politischen) Ökonomie und ihrer Kritik in den Blick nimmt und dadurch relativiert, sorgt sie immer für eine Beobachterperspektive, die automatisch in Konkurrenz treten muss mit den bereits etablierten Diskursen, also sowohl der liberalen als auch der marxistischen Reflexionstheorie, die beide positivistisch an das Problem der Reproduktion herangehen.

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