Kritische Stichpunkte zur Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München

Kritische Stichpunkte zur Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München

I.Übersicht: Die Punkte der StuVe:

Chronische Unterfinanzierung, ————————————————–\
Studiengebühren (auch neue und höhere) ———————————–\
drohende Kürzungen, ————————————————————-1.1
überfüllte Vorlesungen und Seminare, ——————————————–\
zu wenige Masterplätze —————————————————————- 1.2
mangelnde Vorbereitung auf den doppelten Abiturjahrgang, ————— 2
kein Semesterticket, ———————————————————————3
unzureichende studentische Mitbestimmung. ———————————– 4
II.Weitere Punkte
Betrifft: Verständnis von Solidarität ———————————————- 5
Zum methodischen Bewusstsein (zum revolutionären Bewusstsein) — 6

I. Zu den Punkten 1.1/1.2 der StuVe.

a) Unis kosten Geld. Das Geld muss von der Gesellschaft als ganzes irgendwie an die Unis gebracht werden. Wenn Geld verteilt wird, wird automatisch auch immer in die eine oder andere Richtung UMverteilt, da kommt man gar nicht dran vorbei. Wenn man aber nur pauschal mehr Geld (oder eben keine Kürzungen) fordert, verkennt und verdeckt man den Umverteilungsaspekt und reproduziert nur den semantischen gleiche-Belastung-für-Alle Trick der Politik.

Genau das passierte ja auch bei den Studiengebühren: Für Leute, die es sich leisten können, spricht ja egtl nichts dagegen, mit Gebühren zur notwendigen Finanzierung der Unis beizutragen. Das Problem ist die strukturelle Benachteiligung derer, bei denen die Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen, sowieso schon niedriger liegt.

Deswegen sind auch Kritiken berechtigt, die das Aufbegehren der Studenten als Jammern auf hohem Niveau n – denn die Studenten sind ein privilegierter Teil der Gesellschaft, wenn auch vllt. nicht der privilegierteste von allen.

Zitat eines Gegners der Vollversammlung:

„Kann ich dann auch kommen und euch allen sagen, dass ihr alle an dem Geld der Arbeiter parasitiert, wo sie Euch 11000 Euro jährlich ausgeben müssen und ihr nicht mal 10% davon zahlen wollt? Die Studiengebühren werden sich auch in der Zukunft vergrößern, bis es wie in USA oder Großbritanien wird. Man kann keine finanzielle Probleme mit Mehrheitbeschlüssen lösen. Diese Versammlung ist genau so sinnlos wie das Wort Kuh in einem Satz mit dem Wort Jupiter. „Das werden wir nicht zulassen!“ hahahaha, wo kommt der Satz her? Ihr habt keine Macht in der Lösung Euer Probleme. Ihr sitzt immer noch auf dem Gelde der Mutti und der Arbeiter. Also ab nach Hause und lernen, lernen, und noch mal lernen, anstatt die Zeit zu verschwenden.“

Richtige Analyse – falsche Schlußfolgerung: Die zitierte Person argumentiert hier, dass die Studierenden gegenüber den Arbeitern privilegiert sind, und dass diesem Unterschied durch hohe Studiengebühren Rechnung getragen werden soll. Die Perspektive sollte aber nicht sein, den Graben zu verfestigen, indem man durch Studiengebühren „die Studierenden“ noch stärker von „den Arbeitern“ trennt, sondern den Unterschied aufzuheben.

Deswegen denke ich, dass die Kategorien „mehr Geld“ (oder „nicht-weniger-Geld“) nicht die richtigen Bahnen für den Protest sind. Stattdessen sollte offen über ein Finanzierungskonzept von Unis geredet werden dürfen, im Rahmen von sozialer Gerechtigkeit, soweit man an soziale Gerechtigkeit in diesem System eben glaubt.

b)Es gibt andere, wichtigere Schrauben, an denen gedreht werden muss, als den Geldhahn. Ein Beispiel sind die Bachelor-Regelstudienzeiten:

Es ist fast ein Gemeinplatz geworden, dass die Bologna-Reform das 4 jähirge Diplom in einen 3 jährigen Bachelor gepresst hat. Ob das stimmt oder nicht sei dahingestellt, man darf aber wohl davon sprechen, dass sich die Arbeitsbelastung durch die erhöht hat, was sich insofern auswirkt, dass sehr viele Bachelorstudenten – besonders solche, die sich nebenher noch für Aktivitäten außerhalb ihres Fachgebiets, wie Sprachen interessieren – den Bachelor in 7 oder 8 Semstern statt in 6 abschließen wollen. Das stellt für manche auch gar kein Problem dar, die Höchststudiendauer deckt das ab. Ein großes Probem stellt das aber für Studenten aus finanziell schwachen Familien dar. BAFöG gibt es nämlich nur und ausschließlich bis zum Ende der Regelstudienzeit von 6 Semestern. Danach weiterzustudieren wird für Studenten ohne finanzielles Polster unmöglich, es sei denn durch vollverzinste Volldarlehen. Hier werden, genauso wie durch die allgemeinen und für Alle gleichen Studiengebühren, finanziell schwache Familien und Studierende eindeutig stärker benachteiligt.

Natürlich kosten Maßnahmen gegen diesen Effekt am Ende auch Geld, aber der Diskurs muss von einer ganz nderen Seite her geführt werden: Nämlich von der Seite der sozialen Gerechtigkeit.

c) Solche Argumentationsstränge über soziale Gerechtigkeit/Ausgleich gehen aber (oder sind schon seit letztem Winter) verloren. Letztlich wird Interessenpolitik für eine konstruierte Allgemeinheit der Studenten betrieben. Und um das zu stützen beruft man sich dann im Endeffekt auch noch auf ein konstruiertes gesellschaftliches Allgemeinwohl á la „wir brauchen Akademiker für Deutschlands Zukunft“. Man sieht daran, wie der Diskurs die politischen Kommunikationskanäle für andere Probleme verstopft. Niemand redet mehr über Probleme an Hauptschulen, Realschulen (oder über das dreigliedrige System an sich), Ausbildungsstituationen etc. oder wenigstens über die soziale Ungerechtigkeit der Studiengebühren, sondern über fehlende Finanzierung allgemein. Eine kritische Linke sollte diese Diskurse wieder ausgraben.

d) Eng damit Verbunden sind dann auch die gesamten Auffassungen und Vorstellung über die Rolle der Universität in der Gesellschaft und damit auch der Arbeitsweise des gesamten universitären Betriebs.

Eine vollständig von staatsökonomischer oder privatwirtschaflicher Finanzierung abhängige Universität braucht sich gerade eben nicht die Vorstellung machen, einem universalistischen aufgeklärten Bildungsideal entspechen zu können. Besonders zynisch sichtbar wird das an dem gefügelten Label „Unsere Uni“: Das Label suggerriert einen freigeistigen, von äußeren Einflüssen freien Ort unabhängiger Bildung – Was auch der ursprünglichen vagen Idee einer „nicht-ökonomisierten Universität“ entsprach. Mit diesem Label wurde eine das Bild einer „besseren Vergangenheit“ projiziert.

Es sollte aber erlaubt sein, einmal andersrum darüber nachdenken: Vielleicht waren die Universitäten auch früher eben NICHT wunderbare Horte von freigeistiger autonomer Intelligenz. Und vielleicht tragen die Kürzungen in Verbindung mit dem immer zunehmenden Andrang auf die Unis einfach nur kurzfristig dazu bei, dass man diese immer schon vorhanden „Unfreiheiten“ wieder vermehrt spürt. Nur gegen die Kürzungen zu sein ist somit keine Perspektive, die unter dem Label „Unsere Uni“ laufen kann. Viel eher würde man damit ein im tiefesten inneren exklusives System restaurieren, dass die Bezeichnung „Unsere, aber nicht eure Uni“ verdient.

WENN das zutrifft, könnte man sich Gedanken drüber machen, dass die Kürzungen vielleicht nicht nur ein Problem, sondern eine Chance für die Idee der Universität ist. Wenn die Mehrheit der Menschen sich dafür entscheidet, dass ein großer nach außen hin freidenkerischer akademischer Apparat – also das, was man gemeinhin als den großen Humboldt-Mythos hochstilisiert, was sich aber de facto dann doch eher als eine Reproduktionsmaschine sozialer Ordnung erweist – nicht mehr gewünscht ist, sollte man das akzeptieren und als Gelegenheit nehmen: Als Gelegenheit, die Universität aus ihrer zentralen Rolle als Teil des Reproduktionsmechanismus für soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit herauslösen und sie tatsächlich unabhängig und autonom machen: Zu jedermanns Uni. (sh. auch die vielen Kontroversen Debatten der Winterbesetzungen zum Thema Zugangsbeschränkungen etc.)

II. Weitere Punkte anhand von Zitaten aus der Diskussion in der heutigen Vollversammlung Regensburg:

Manche dieser Punkte werden sicher so oder so ähnlich auch morgen im Audimax auftreten. Manche der Redebeiträge sprechen in ihrer Absurdität für sich selbst.

1. Die Uni-Streik bewegung frisst jede vernünftige Bildungspolitischen Perspektiven auf.

Redebeitrag: „Solidarität mit den doppelten Jahrgängen, die ein Not-Abitur schreiben.“

Haben wirklich die Gymnasiasten Solidarität nötig? Man könnte vielleicht eher über Solidarität mit den Hauptschülern, denen von den miesesten Lehrern nie eine Perspektive gezeigt wird außer in Leben im Einzelhandel, Solidarität mit Hartz 4lern die als Arbeitslosen-Reservearmee verwaltet werden und Solidarität mit den Leuten aus den Banlieus und aus der 3ten Welt, aber doch nicht mit Abiturienten!?

2. Thema Profil nach Außen: Welche gesellschaftlichen Fronten wollen/sollen wir aufmachen?

Redebeitrag: „Wir brauchen auch die Solidarität der großen Firmen. Wir werden alle mal führende Positionen in Firmen einnehmen, und die Firmen brauchen uns, deswegen sollten wir ihre Stimmen auch mobilisieren.“

Redebeitrag: -“ Unser Kampf ist Angelegenheit von Allen, die in die höhere Bildung wollen.“

3. Zum methodischen Bewusstsein – Modus operandi plenarium, Öffentlichkeit, Denk-Tabus?

-Für die meisten ist die Vollversammlung ein lustiger Spaß. Nichts gegen Spaß, aber das virulente rumgekaspere und sich-selbst-beweihräuchern ist kontraproduktiv.

-Ebenfalls immer wieder gern: Alle freuen sich, weil jeder mal Bundestag spielen darf. Wohin das praktisch führt, das haben die Winterproteste gezeigt.

– Stichwort Medienwirksamkeit: Ist Medienwirksamkeit ein Wert an sich? Ich meine: nein.

Redebeitrag:„Wir brauchen unbedingt Prominente, die sich für unsere Sache einsetzen.“ -Achja?

Redebeitrag: „Wir müssen radikaler werden und sollten die Gebühren statt auf das Konto der Uni auf Treuhandkonto überweisen“ – Das ist also radikal?

Redebeitrag: „Wenn das so weiter geht, könnten wir ja auch gleich selber rausgehen und an unserer Uni Reparaturen durchführen und die Bibliothek selber managen.“

-Stimmt, genau das könnten wir tun. Warum erscheint das allen so unplausibel?

4. Spiegel: Fachschaftermeinungen und Kommentare aus Regensburg

Erster Sprecher: „Die Kürzungen sind verheerend – sie gefährden den Fortbetrieb der Universität in der derzeitigen Form!“

– Also worüber Reden wir? Die Kürzungen oder die derzeitige Form des Betriebs?

Thomas Jancke, philosophische Fakultät 1: „Wir sollten uns (!) nicht unter Wert verkaufen, Erhöhen statt Kürzen, was wir brauchen ist mehr Geld!“

Mariana Mühlbauer (SprecherInnenrat): „Wir brauchen eine Verbindung von ALLEN gesellschaftlichen Gruppen: Kampf allgemein gegen die Sparpakete. Auch die Atom-Laufzeit-Verlängerung ist ein Sparpaket, mit dem wir als Studenten (!) uns beschäftigen müssen.“

– Das klingt doch ziemlich vernünftig.

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