Die Einheit der Unterscheidung

Die vergleichende Politikwissenschaft steht unter dem Stern eines starren Eurozentrismus. Sie reflektiert einen westlichen Normalzustand von repräsentativer Demokratie, den sie als Meßlatte und absoluten Maßstab ansetzt, wenn sie sich der Analyse von „anderen“ politischen Systemen widmet, also beispielsweise der Staaten aus dem postkummunistischen Raum oder den südamerikanischen Ländern.

Dabei gibt sie sich normativ vollkommen neutral und klemmt sich ganz nah an den empirischen Fall. Dazu entwirft  sich die Disziplin ihrer eigenen Theorien,  die bestimmte politische Bewegungsgesetze abbilden sollen. Wohlgemerkt, politische Bewegungsgesetzte, so wie in „nicht-wirtschaftliche“ und „nicht-gesellschaftliche“ oder „nicht-künstlerische“ Gesetze.

Vor allem in der vergleichenden Parteien- und Parteiensystemforschung wird das besonders deutlich. Sie setzt sich selbst einen ganz besonders engen Rahmen und blendet soziale Realitäten weitgehend aus. Einerseits hängt sie normativ nur lose in der Luft: So theoretisiert beispielsweise die Unterscheidung verschiedener Typen von politischen Parteien aus, und formuliert verschiedene Entwicklungsgesetze von einem Parteityp in den anderen. Sie sagt dabei nicht das geringste über die sozialen Realitäten aus, die mit diesen Entwicklungen verknüpft sind.  Beispielsweise die Entwicklung des primären Parteientypus von traditionellen Massenparteien hin zu sogenannten Volksparteien hin zu funktionsorientierten Medienparteien wird in der vergleichenden Systemforschung nicht im Hinblick auf gesellschaftliche Evolutionen oder gar aus  funktionalistischer Perspektive reflektiert, sondern als bloßes Bewegungsgesetz.

Andererseits -nachdem sie sich auf diese Weise Neutralität auf die Fahnen geschrieben hat- zehrt die Disziplin aber umso mehr von einer extremen normativen Voreingenommenheit. Ihre Theorien sind um eine zentrale Vorstellung von westlicher, repräsentativer Demokratie herum gebaut. Diese arbeiten im wesentlichen mit der Unterscheidung von demokratischen und davon abweichenden Systemzuständen. So wird oft zwischen „echten“ und „defekten“ Demokratien unterschieden und das demokratische Ideal als selbst kaum hinterfragte Zieldimension vorangestellt. So unterteilt z.B. eine der wichtigsten Arbeiten zur Parteiensystemforschung ihr Forschungsfeld nach Anzahl der systemrelevanten Parteien und nach ideologischer Polarisierung des Parteienwettbewerbs.  Den linken Rand in dem so aufgespannten Spektrum bilden dabei die undemokratischen, stark ideologisierten Einheitsparteiensysteme beispielsweise von Kuba, der DDR oder der UdSSR. Am rechten Rand finden sich die atomisierten Vielparteiensysteme der Weimarer Republik, von Serbien oder Israel, deren Merkmal ebenfalls eine große ideologische Spannweite und undemokratische Defizite sind. Nur in der Mitte finden sich demnach „echte Demokratien“, wie die BRD oder die USA. Implizit steckt darin die Vorstellung, dass sich eine echte Demokratie also  durch einen höchstens gemäßigten ideologischen Pluralismus (bzw. überhaupt nur eine gemäßigte Ideologie)  leisten kann und darf, und nur durch selbstdisziplinatorische Konzentration (bzw. Streckung und die Diversifizierung) dieser Ideologie(en) auf eine bestimmte Anzahl an Parteien eine „richtige“ politische Ordnung gewährleistet ist.

Es soll hier nicht unterstellt werden, es handele sich dabei um eine bewusste, oder gar verschwörerische Prädisposition der westlichen Politikwissenschaft,  sich mit vollem Eifer nur damit zu beschäftigen, gute Gründe  für die Oktroyierung von westlicher Demokratie auf die ganze Welt zu produzieren. Das wäre natürlich ein überzogener Vorwurf. Aber gerade das Unterschwellige und die eklatante Selbstverständlichkeit, mit der bestimmte normative Grundannahmen in der vergleichenden Systemforschung mitschwingen, lässt die Wissenschaft an bestimmten Punkten auf der Stelle treten.

Die Wissenschaft bleibt dabei aber systematisch blind für den Grad ihrer Voreingenommenheit. Dadurch, dass die Theorieproduktion, also die zugrundeliegenden Denkgebäude, auf die Soziologie und den sogenannten „Bereich Politische Theorie“ quasi ausgelagert werden, wird Theorie und Empirie institutionell voneinander getrennt. Die Vergleichende Politikwissenschaft produziert zwar auch weiterhin eigene Theorien – die sind zwar oft sehr pfiffig und intelligent, gehen aufgrund dieser Trennung aber nie über den mitschwingenden westlich-demokratischen Grundkonsens hinaus. Sie sehen nicht die Einheit der Unterscheidungen, mit denen sie operieren. Sie sehen nicht das „ganz andere“ der Demokratie, sie werfen keinen Blick auf die unbeleuchtete Seite denkbarer politischer Systeme. Ihr Sichtbereich endet links an der idealen Demokratie und rechts an der idealen Diktatur. Darüberhinaus kann sie nicht denken. Das ist nicht gut und wird sich rächen. Spätestens wenn das berühmte Fukuyama-Diktum (die repräsentative Demokratie sei das „Ende der Geschichte“) ernstlich ins Wanken gerät (also sobald sich das empirische Ausbleiben dieser Voraussage sich nicht mehr  plausibel nur als „Verzögerung“ interpretieren lässt), wird auch die Vergleichende Systemforschung sich wieder damit beschäftigen müssen. Umso früher sie daher ihre Professionalität (=Rationalität, Eingeschränktheit, Konzentriertheit) fallen lässt und auch das „ganz andere“ einmal in sich zulässt, ohne alles als Metaphysik zu belächeln, desto besser.

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