Wissenschaft und Leitkultur

Die moderne Sozialwissenschaft hat kaum den Mut, wirklich kritisch zu sein – Und der Teufel steckt schon in der Methode.

Die Transformationsforschung der komparativen Politikwissenschaft begreift die Verwandlung der ehemaligen Sowjetunion in der Hauptsache als Modernisierung. Repräsentative, parlamentarische Demokratien und Marktwirtschaften mit sozialen Ausgleichsmechanismen galten lange Zeit für die westlichen Analytiker als die Idealbilder, denen sich diese Staaten zwangsläufig -weil alternativlos- annähern würden. Die Transformation muss sich bis heute an diesen Idealbildern messen lassen und vielerorts klappt das auch gut. Auf der anderen Seite jedoch gibt es diejenigen Staaten, die nicht die vorgezeichneten Etappen durchlaufen und keinerlei Anstalten machen, mittel- oder  auch nur langfristig „echte“ Demokratien oder „echte“ Marktwirtschaften zu werden.

Die Vergleichende Sozialwissenschaft betrachtet dies meist als Verzögerung oder Scheitern. Sie spricht z.B. von „defekten Demokratien“ oder „failed states“, „kriminellem Kapitalismus“ oder gelenktem Staatskapitalismus“, kurz von „unfinished transformation“. Die Grundannahme von Demokratisierung und Einführung von Marktwirtschaft bleibt dabei aber immer gleich. Allerdings lassen sich die Empirien in vielen Fällen immer weniger damit in Einklang bringen. In manchen Bereichen ist nämlich empirisch ein genau umgekehrter Trend zu beobachten, nämlich dass sich die klassischen alten Demokratien in manchen Eigenschaften eher den jungen Staaten annähern, als dem westlichen Vorbild nachzueifern.

Am deutlichsten ist das bisher in der Parteienforschung zu beobachten. Dort werden verschiedene Parteitypen unterschieden, v.a. klassische Massen- oder Volksparteien einerseits und modernere Kartell-, Clientel- oder Medienkommunikationsparteien andererseits. Erstere sind dabei typisch für die alten Demokratien, letztere eher in den neuen Republiken anzutreffen. Die neuen Parteitypen zeichnen sich durch nur sehr wenig ausgeprägte Ideologie, eher kleine und sehr professionalisierte Mitarbeiterstäbe, sehr wenige Parteimitglieder und durch stark von Parteispitzen gesteuerte Inhalte aus – also durch Merkmale, die gerade nicht den klassischen Theorien entsprechen, in denen die Demokratie doch gerade erst durch die Beteiligung des Volkes leben soll, das durch sie die Herrschaft über sich selbst ausübt. Allerdings zeigt sich, dass sich auch die etablierten Demokratien immer weiter von diesem Idealbild weg entwickeln: Die „Politikverdrossenheit“ wächst überall, die Wahlbeteiligungen sinken, die Machtlosigkeit der politischen Systeme gegenüber den großen Wirtschaftskrisen wird größer. Als Konsequenz verlieren viele der europäischen Volksparteien seit langem kontinuierlich Mitglieder, besetzen wichtige Positionen mit „Experten“, denen es professionell „um die Sache“ gehen soll und rücken immer enger in der ideologischen „Mitte“ zusammen. Und das als Endergebnis oft doch immer die gleiche, an „Sachzwängen“ orientierte Politik herauskommt, ganz egal, ob die Mehrheiten bei Rot, Schwarz, Grün oder Gelb, Orange oder Blau liegt, ist schon lange mehr als nur verbittertes Gerede.

„Weniger Demokratie wagen?“

Das könnte man jetzt skandalisieren – oder aber beobachten, dass die Bevölkerungen der neuen Demokratien – nüchtern betrachtet- ja eigentlich viel vernünftiger mit dem Phänomen umgehen: Sie stellen von vornherein nicht zu große Erwartungen an die Politik, die von einer Demokratie möglicherweise sowieso nicht erfüllt werden können. Sie erwarten nicht, dass die Politik die Marktwirtschaft reguliert und sozial verträglich macht – denn sie wissen, dass viele der Politiker überhaupt erst durch große Konzerne und Mogule an die Macht gehievt werden, die keinerlei Interesse an einer solchen Regulierung haben können. Sie stellen nicht erst den Anspruch, dass ihnen ein „echtes“ parlamentarisches System die Möglichkeit zur Entscheidung vorspielt. Und man sollte sich nicht vorschnell annehmen, dass diese Indifferenz bzw. der Mangel an demokratischer Emphase nur auf Unterdrückung basiert. Vielen dieser Länder geht es nämlich in erster Linie zuerst um ein wirtschaftliches Aufholen, welches, so könnte man interpretieren, wohl am besten mit weniger Demokratie organisierbar ist. Und so kommt es immer zu Missverständnissen, wenn sich alte und neue Demokratien gegenseitig beobachten: Als in Russland kürzlich die Gerichte die Haftstrafen gegen den radikalen Nomenlaturakapitalisten Michail Chodorkowsi bekräftigt haben, wurde im Westen mit dem demokratischen Zeigefinger gewackelt, während die russische Bevölkerung selbst sich erleichtert zeigt, dass nun „endlich“ die Verbrecher der Umbruchszeit belangt werden. Und dabei scheint es sich eben nicht um ein triviales Problem, sondern um tatsächliche Inkommensurabilitäten zu handeln.

Was kann man nun daraus für den Kapitalismusbegriff lernen? Vor allem, dass Kapitalismus nicht als geschlossenes System zu verstehen ist. Man kann nicht auf dem Punkt stehen bleiben, unterschiedliche Funktionsbereiche der Gesellschaft analytisch zu trennen und quasi austauschbar und kombinierbar nebeneinander zu stellen. Kapitalismus kann heute nicht mehr nur als evolutionäre Wahl verstanden werden, wie es vielleicht sein „natürlicher“ Sieg über den Realsozialismus nahegelegt hat. Kapitalismus muss heute zusammen mit Demokratie als kulturelle Wahl verstanden werden, die auch anders verlaufen KÖNNTE. Und gerade die Auseinandersetzung mit dem postkommunistischen Raum zeigt, dass der Begriff Kapitalismus eben nicht jeden (sei es realen oder gespenstisch-hypothetischen) Gegenbegriff und damit jeden analytischen Wert verloren hat, sondern dass jetzt endlich die Möglichkeit da ist, die Einheit der Unterscheidung zu sehen und die kulturelle Basis zu identifizieren, auf denen beide Systeme gleichermaßen aufbauen. Es ist nämlich gar nicht eine Systemalternative, auf die eine Kritik abzielen muss – sondern eine Kulturalternative. Kritik kann heute nur noch als Kulturkritik formuliert werden. Und die Soziologie sollte über dieser Entwicklung nicht verzweifeln, sondern sich im Gegenteil darüber freuen, dass nicht mehr alles von der Systemfrage überspielt wird. Und wie das bei kulturellen Fragen eben so ist, muss sie dafür akzeptieren, für normative Fragen einmal wirklich offen zu sein – also auch westliche Vernunftprinzipien einmal über Bord zu werfen.

Das scheint aber der Wissenschaft selbst unheimlich zu werden. Auch die Soziologie und all ihre Mutterdisziplinen reagieren sehr empfindlich, wenn man die Grenzen zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Disziplinen streift – Gerade weil sie sich ständig diesen vermeintlichen Angriffen ausgesetzt sehen. Aber welcher noch so krititsche Student hat denn schon einmal eine Zeichnung an Stelle eines Essays eingereicht, oder statt einer analytischen Hausarbeit ein Gedicht oder ein Theaterstück abgegeben? Da geht jede echte Kritik den Bach herunter.

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