Die Oberflächen des Retro

Katrin Kruse diskutiert auf Spiegel Online die Frage nach Authentizität in Welt der Retromode. Doch der Schlußpunkt hinter dem Trend kommt, wenn auch nicht unüberlegt, zu früh.

Kruse bestimmt den Paradigmenwechsel von „second hand“ nach „vintage“ präzise als neue Form der Produktion von Authentizität in der persönlichen Selbstdarstellung. Präzise, doch nur in eine Richtung. Denn in die andere Richtung muss gefragt werden, wie und warum dieser Wunsch nach Authentizität, der Wunsch nach Persönlichkeit in der Modekultur aufgekommen ist und was er zu bedeuten hat. Und gerade über diese interessanteste Stelle wird allzu schnell hinweggegangen. Der Drang zur Individualität sei eine „Gegenreaktion“, ein „fatales Missverständnis“ gewesen, wird hier zitiert. Man sei ja nur „von einem Extrem ins andere gefallen“, und es würde sich dabei um ein „strukturelles Problem“ handeln. Strukturell meint hier wohl, als internes Problem der eigenen Logik der Mode. Und gemäß dieser Logik würde er auch wieder verschwinden. Das ist soweit alles an der Oberfläche beobachtbar und richtig, nur verweist es auf ein tiefer liegendes kulturelles Problem. Und ohne diesen Verweis kratzt man eben auch nur an der Oberfläche der Kultur, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Natürlich ist Authentizität zum Teil nur ein Trend, der genauso vermarktet wird, und natürlich ist „Retro“ die beste und einfachste Art, Authentizität durch bezug auf Vergangenes herzustellen. Soweit nichts besonderes.Viel interessanter aber ist die Frage, was der Retrotrend, und die Lücke der Geschichte, die er aufreißt, wirklich bedeuten. Warum wollen wir überall den Look von Vorgestern und die Technik von Heute? Was ist es an dem Gestern, das alle so furchtbar finden? Warum scheinen die 80er und 90er in jeder Hinsicht so schlimm, dass die meisten Leute sie am liebsten für immer aus ihrem Gedächtnis löschen wollen? Gemäß der Logik des Artikels müsste man sagen: Nichts, alles nur Logik der Mode, in 10 Jahren grenzen wir uns einfach wieder von etwas anderem ab.

Aber einfach nur zu sagen, dass auch die Retro-Welt nur ein Trend war, der nach einem eher allgemeinen Bewegungsgesetz kam und ging, scheint zu eifnach. Der Zusammenhang mit anderen Bereichen (eben gerade der Massenproduktion und dem auch damals schon vorhandenen sublimen Kulturtotalitarismus) drängt sich ja geradezu auf. Indem der Frau Kruse das eher als vorrübergehenden Trend darstellt, verstrickt er sich in der Oberflächlichkeit, die natürlich jedem Modetrend zu eigen ist, und verkennt die Möglichkeiten, die in seiner Analyse liegen können.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s