Jean Ziegler und die Demokratie

Anlässlich der Salzburger Festspiele wurde der bekannte Schweizer Soziologe und Kapitalismuskritiker Jean Ziegler von den Veranstaltern darum gebeten, die Eröffnungsrede zu dem Festival zu halten. Obwohl in letzter Instanz entschieden wurde, dass Ziegler dort nicht Sprechen darf, hat er seine Rede vor der Kamera gehalten und veröffentlicht. Zieglers Projekt ist ehrenwert – aber falsch herum gedacht. Warum ?

Ziegler identifiziert die strukturelle Gewalt des Kapitals als das Übel, dass die Menschen unterdrückt. Das Kapital hat für Ziegler ein Eigenleben und verrichtet seine üble Tat im wesentlichen ohne das Zutun einzelner Menschen. Um diese These zu stützen, bezieht er sich auf Noam Chomsky und Jean Paul Sartre, und führt außerdem ein Beispiel ins Feld. Das geht so: Angenommen, der Direktor eines großen Konzerns würde sich, beispielsweise aus moralischen Gründen, dafür entscheiden, die Profitmaximierung seines Konzerns, die der Konzern auf Kosten der Ärmsten austrägt, zu stoppen, und eine humane Konzernpolitik zu betreiben. In diesem Fall würde er, laut Ziegler, spätestens auf der nächsten Sitzung der Aktionärsversammlung abgesetzt, da er die Interessen der Aktionäre, nämlich den Profit, zurückgestellt hätte. Ziegler möchte damit belegen, dass die Orientierung am Profit, also die Logik des Kapitals, ein Eigenleben hat, welches der Einzelne, sei er auch moralisch in seinem eigenen Handeln, nicht brechen kann.

Das Beispiel hinkt sicher an mehreren Seiten, doch Ziegler irrt an einer ganz entscheidenden Stelle: Er nimmt umstandslos an, dass es sich bei der Aktionärsversammlung um eine homogene, graue Masse handelt, die gleichsam von der Logik des Profits determiniert ist. Doch es verhält sich anders. In letzter Instanz ist die Profitorientierung eines Konzerns immer, und das kann man nicht genug betonen, immer an die Profit- und Konsumwünsche von einzelnen Personen gekoppelt. Sicher entsteht mancherorts eine lange Kette von Verantwortlichkeiten und Repräsentationssystemen, die diesen Sachverhalt verschleiern wollen – und darin sind sie sehr gut. Es scheint, ganz besonders in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrisen so, als ob die Probleme und das Leid der Welt von Banken, Konzernen, Spekulanten oder eben großen Firmendirektoren verursacht werden. Doch was ist eine Bank in letzter Instanz anderes, als ihre Klienten und Spareinzahler? Was ist ein Konzern in letzter Instanz anderes als seine Arbeiter und die Konsumenten seiner Produkte? Was sind Spekulanten in letzter Instanz anderes als die ausführenden Agenten derjenigen Anleger, die das Kapital zu Anfangs in ihre Hände legen. Und was sind die Firmendirektoren anderes als die Exekutive der Parlamente ihrer Anleger? Nichts, natürlich, letztlich gibt es dort keine Differenz.

Das System mag böse sein oder nicht, letzten Endes ist das System ein Nichts, ein reines Nichts ohne diejenigen Menschen, die es ausführen. Es sind die Menschen, die das ursprüngliche Böse sind, nicht das System, nicht das Kapital. Natürlich muss man anerkennen das beide, Mensch und System in einem Prozess der wechselseitigen Anpassung stehen, sozusagen in einem Pädagogischen Verhältnis, also beispielsweise in dem Sinne, dass eine gute Demokratie den Menschen zu einem guten Demokraten erzieht, aber eine gute Demokratie nicht ohne gute Demokraten bestehen kann. Dennoch darf daraus keine Ent-Schuldigung des Menschen fließen, denn auch in einem Faschismus sind die Taten des einzelnen Faschisten zu verachten. Und so ist auch Sartre zu verstehen, wenn er sagt, man müsse dasjenige hassen, was den Menschen unterdrückt, um den Menschen zu lieben: Wenn es der Mensch ist, der den Menschen unterdrückt, muss man den Menschen hassen. Nicht das System. Das ist es, was Sartre mit seinem Ekel vor dem Menschen auszudrücken versuchte.

Es sind die einzelnen Menschen, die ganz selbstverständlich gegen den Hunger in der Welt sind, und trotzdem Benzin tanken, das aus Feldfrüchten hergestellt wird, die ansonsten Menschen versorgen könnten. Das sind zwei Positionen, die unvereinbar sind. Doch diese Unvereinbarkeit wird verdeckt. Ja, man könnte sogar soweit gehen und behaupten, dass all das, was wir unter den Namen Politik, Ökonomie und Gesellschaft verstehen, Mechanismen sind, die nichts anders tun, als uns diese Unvereinbarkeit erträglich erscheinen zu lassen. Mechanismen, die dazu da sind, unsere eigene Bösartigkeit und „Kälte“, wie es Ziegler richtig nennt, ertragen zu lassen.

Das hat Konsequenzen für die Perspektive, mit der man diesen schlimmen Sachverhalten überall auf der Welt begegnen kann. Wo ist die Hoffnung? Ziegler sieht die Hoffnung in den Aufständen der Länder der südlichen Hemisphäre, in den demokratischen Revolutionen, in der Möglichkeit einer zu errichtenden Gegengewalt in den demokratischen Ländern des Westens und nicht zuletzt in der politisch interessierten Kunst, die an der aktiven, geduldigen Aufbau  dieser Gegengewalt mitwirken soll. Doch was ist, wenn das, was wir Demokratie nennen, nur ein Teil genau jenes Systems ist, das uns erlaubt, die soziale Agonie unserer Taten, derer wir eigentlich erliegen müssten, zu vergessen? Was, wenn sich die Revolutionen der südlichen Hemisphäre genau die gleichen Verdrängungsmechanismen zueigen macht, mittels der sie die Tragweite ihres eigenen Da-Seins in der Welt vergessen können? Bleiben wir eine Sekunde bei diesem Punkt: Dann wird Zieglers Glaube an die Demokratie zum Problem. „Es gibt auch keine Ohnmacht in der Demokratie“, ist die noch nicht vollständige These Zieglers. Demgegenüber kann man behaupten, dass die Demokratie gerade das ausgeklügeltste System ist, um seine eigene Ohnmacht zu verschleiern: Anstatt den eigenen Prinzipien zu folgen, kann der Demokrat wählen, dass ein anderer es tut. Doch schon im Moment der Wahl ist der Demokrat von seiner Pflicht befreit, ganz unabhängig davon, ob der gewählte Repräsentant auch das tut, was ihm geheißen würde. Und, man möchte es unterstellen, besteht sogar vielleicht eine unbewußte, geheime, nie ausgesprochene Abmachung zwischen den beiden, und der Repräsentant wird eben nicht für das Repräsentieren bestellt, sondern nur für die Illusion der Wahl, die Illusion der Repräsentation. Diese Demokratie, an die Ziegler denkt, ist das System, das Eine zu sagen, und das Andere zu tun.

Doch diese Illusion, so perfekt sie im Laufe der Geschichte auch geworden ist, hat einen entscheidenden Schwachpunkt. Damit die dieses System funktionieren kann, muss es gewährleisten, dass im Prinzip alles gesagt und alles getan werden darf. Sie basiert auf der Vorstellung von politischen Subjekten, die eigentlich die Freiheit haben alles zu sagen und zu tun, während gleichzeitig alle (mit Erfolg) darauf spekulieren, dass bestimmte Wahlen (zum Beispiel der Zusammenbruch) nicht getroffen werden und ausgeschlossen bleiben. Und hier liegt die wahre Hoffnung: Die organisierte Gegengewalt, die radikale Opposition, die subversive Kunst müssen sich genau dem zuwenden, dass diese Wahlen möglich sind, dass eine andere Welt tatsächlich, und ohne Einschränkungen möglich ist, und es nur, und nur an jedem einzelnen liegt, auf der einen, oder eben auf der anderen Seite zu stehen und ein jeder selbst – und nicht ein Repräsentant – für die Tragweite seines Da-Seins verantwortlich ist und dafür – um mit Sartre zu sprechen – dafür entweder gehasst oder geliebt wird. Es ist nicht mehr so sehr der Kampf gegen das Kapital oder gegen das System, und auch nicht der Kampf für (echte/direkte/neue/mehr) Demokratie, sondern der Kampf gegen die Heuchelei und für die Verantwortung, der Kampf der direkten Aktion und der Kampf gegen Einfachheit, der heute zählt.

Dann stimmen auch Zieglers Schlußworte, die er von Bertolt Brecht zitiert: „Es wird der Tag, doch wann er wird, hängt ab von mein und deinem Tun.“

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