Lass uns reden über … – Europa

Wie kommt es eigentlich, dass sich Europa in seiner südlichen Peripherie selbst abwickelt? Man könnte meinen, dass dies eine wesentliche Frage darstellt, die zumindest jeden Betroffenen, d.h. ja nun aber auch zumindest jeden Europäer, eindringlich beschäftigt. Und da ist es dann doch befremdlich, dass die offensichtlichen Probleme und Krisen Europas überall diskutiert werden, außer an einem Ort: der Universität.

Während die Tagesschau mit vordergründig-hintergründigem Nachdruck dem deutschen Bürger schlimme Zunkunftsszenarien vorrechnet – und das in reinster Waldorf-Manier: nämlich ohne Zahlen – und als rituellen Höhepunkt die Befragung des Orakels von Frankfurt – a.k.a. „Harry, hol schon mal die Märkte“ – hintendrein schickt; während sich das bewusst problemverkürzende (weil zum Lachen gedachte) politische Kabarret und die unbewusst problemverkürzenden (weil lächerlichen) politisierenden Lachnummern von occupy und EDJ (Einheitspartei Der Junggebliebenen) sich gar nicht mehr einkriegen vor lauter Krisenmaterial; und während schließlich sogar die Fußballkommentatoren (also die in dem aus England ausgestrahlten Piratensignal, nicht die aus dem ZDF bekannte deutsche k-réthy-nisierung) nicht darum herumkommen, beim Spiel der „Buam“ gegen die griechische Elf zumindest überhaupt den politischen Bezug dieser beiden Länder herzustellen, interessieren Ursprung und Zukunft des Euroraumes an den Unis keinen alten Eber.

Natürlich – ein paar Fakultäten sind sich niemals und für nichts zu schade. Irgendwo liegt sicher schon eine Hausarbeit über effektivere Governance-Lösungen in der Finanzpolitik auf dem Schreibtisch, und die Soziologie hat sich sogar die Namensrechte alter Revoluzzerblätter gesichert, um anhand der aktuellen Krisen mit dem Fachnachwuchs ihren systemtheoretischen Kladderadatsch zu üben. Und die VWL hat sowieso schon immer alles gewusst.

1. Was wir oft hören:

Wo die Probleme liegen, dass weiß auch die europäische Finanzdoppelspitze aus Merkel und Schäuble ganz genau: Die Griechen konsumieren zu viel, arbeiten zu wenig und zahlen davon dann auch noch zu wenige Abgaben, so dass ihr Staat sich zu viel Geld leihen muss. Und deshalb müssen sie die Schulden jetzt schleunigst wieder abstottern – also Lohn weg, Gehalt weg, Renten weg, Kinder weg, Inseln weg, Kultur weg, Steuern her, Kontrolle her, Arbeitszeit rauf. Und wenn das alles nur gewissenhaft und schnell umgesetzt wird, bekommen auch die Märkte wieder Vertrauen in das Land und alles wird gut.

2. Was wir selten hören:

Nur selten werden wir indes darauf aufmerksam gemacht, dass die Probleme in Wirklichkeit gar nicht so eindeutig sind, wie sie in den Darstellungen unserer lieben Herrn Minister klingen. Mittlerweile hat sich sogar die BBC einmal getraut, öffentlich anzumerken, dass die übliche Erklärung, die ganze Misere sei durch zu hohe Staatsschulden verursacht worden, eigentlich überhaupt nicht stimmt. Warum steckt denn z.B. gerade Spanien, dass bis zum Beginn der Krise 2008 die europäische Schuldenbremse treu eingehalten hat mitunter am Tiefsten in der Missgunst der Finanzmärkte? Warum gilt Deutschland, einer der größten Schuldner überhaupt, als unangefochtene ökonomische Supermacht, wenn doch die Schulden die Wurzel allen Übels sind? Und wie steht es mit dem übermäßigen Konsum? Wurde nicht gerade eben erst ein „Wachstumspaket“ beschlossen, das verhindern soll, dass man „die Wirtschaft kaputtspart“? Also was denn nun?

3. Was wir nie hören:

Alles nur Details und kleine Ausreißer in einer ansonsten kohärenten und richtigen Politik? Obwohl’s nicht schadet – man braucht nicht gerade vom Marxismus überzeugt sein, um zu sehen, dass hier etwas ganz gewaltig schief läuft. Es reicht, sich vor Augen zu führen, wer denn den eigentlichen Nutzen des ganzen Spektakels davon trägt: Die europäische Staatengemeinschaft macht seit Beginn der Krise nichts anderes, als massive Geldgeschenke an Banken und Konzerne zu verteilen – Geld, das sie über den Umweg fieser sozialer Zwangsreformen der Einzelstaaten direkt den einzelnen ArbeiterInnen aus der Tasche nimmt. Sämtliche Institutionen sozialer Umverteilung von oben nach unten werden nicht nur gekürzt, sondern regelrecht auf den Kopf gestellt. Die Gewinner heißen Fraport, Telekom, Siemens und RWE. Seit Jahren kürzen sie mit beflissener Zuarbeit der großen Gewerkschaften hier in Deutschland effekiv die Löhne – und damit ja keiner auf die Idee kommt, es gäbe dazu eine Alternative, werden alle Länder, in denen sich die Menschen nicht einreden lassen wollen, dass sie nur für die Arbeit leben, mit den schweren Geschützen der Rating-Agenturen an den Rande des EU-Austritts gebombt. Und weil niemand gern zerbombt werden will verzichten die ArbeiterInnen europaweit einfach weiter auf ihre Löhne und hoffen stattdessen auf einen Erfolg in der EM. Ganz „gesunder Patriotismus“ eben.

4. Was zu tun wäre:

Eigentlich handelt es sich um einen ganz einfachen Widerspruch: Konzerne wollen günstig produzieren, damit sie mehr vom Gewinn für sich behalten können. Banken wollen kostenlos Geld, dass es gar nicht gibt, verleihen, damit sie mehr Zinsen für sich behalten können. Das Nachsehen haben in jedem Fall hier Angestellten – und zwar hier genauso wie in Griechenland. Denn auch wenn die deutsche Bevölkerung kurzfristig davon profitieren sollte, dass Griechenland „stabil“ bleibt und „spart“ – wie lange wird es dauern, bevor dann wiederum die Beschäftigten hierzulande per Lohnkürzungen zur Kasse gebeten werden, damit man mit dem nun „schlanken“ Griechenland auf dem europäischen Markt „wettbewerbsfähig“ bleiben kann? Hier, meine Damen und Herren, wird unter der Hand der Klassenkampf geführt – und zwar von oben!

Und was hat das alles mit den münchner Studierenden zu tun? Eine ganze Menge: Denn obwohl München zumindest offiziell gleich zweifach die Heimat der absoluten geistigen Elite und Exzellenz Deutschland ist, kommt man gerade und insbesondere an der Universität meistens nicht mal über die erste Stufe (s.o.) dessen, was einem sowieso tagein-tagaus vorgebetet wird, hinaus. Niemand würde über eine Wiedereinführung der D-Mark in Sachsen nachdenken, wenn eine neu gewählte linke Regierung dort plötzlich mehr Schulden machen würde als erlaubt. Im Falle Griechenlands geht eine solche Berichterstattung allerdings durch, ohne dass das Publikum angesichts des schieren Wahnsinns hinter dieser Vorstellung auch nur mit der Wimper zuckt.

Europa hat keine Vision für seine eigene Zukunft – Die gegenwärtige Politik kann sie nicht liefern. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass eigentlich keine der Parteien, die in Griechenland zur Wahl standen, eine Lösung für die Probleme des Landes parat hatten – und das kann man ganz analog dazu auch über die deutsche Parteienlandschaft sagen.

Deshalb brauchen wir eine breite Diskussion darüber, mit welcher Organisationsform wir in Zukunft wirtschaften wollen. Und diese Diskussion darf dann eben nicht nur abstrakt soziologisch, politologisch oder wirtschaftswissenschaftlich geführt werden, sondern als allgemeine Debatte über den Wert von Arbeit und Leben. Die Diskussion darf sich nicht mehr nur mit der Krise „in Griechenland“ befassen. Denn das eigentliche Problem haben wir hier direkt vor unserer Nase: Die Studenten täten gut daran, endlich Farbe zu bekennen gegenüber dem deutschen Kapitalismus und Imperialismus, der seine Wurzeln genau hier hat, in Berlin, in Frankfurt und in München! Wer, wenn nicht die StudentInnen, sollte denn eine kulturellen Debatte, welche die Notwendigkeit der Arbeit, den Nutzen und Schaden von Finanzmärkten und den Wert des Nichts-Tuns neu austariert? Die VWL? Die Soziologie? Occupy? Gar ein Amalgam aus allen dreien? Ich bitte euch…

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