In die hippe Hölle

In Berlin wächst der Widerstand gegen Touristen, Yuppies und Hipster. Das linke Spektrum müht sich, den blinden Hass in die Richtung von mehr „Komplexität“ und „Überlegtheit“ zu lenken. Warum man im Zweifelsfall aber lieber zu den „Krawallmachern“ als zur Hipster-Antifa gehören sollte:

Ich habe vor, im Herbst nach Berlin zu ziehen. Ein alter Traum, der nun mehr oder weniger durch Zufall Wirklichkeit geworden ist. Weil ich, so lange ich denken kann, immer schon eine Sympathie für’s „Gammeln“ hatte (also nicht in dem „Der Käse vergammelt im Kühlschrank“-Sinn sondern im, „Ich hab den ganzen Tag an der Sonne vergammelt“-Sinn) und die letzten Jahre auch in München in der Art gelebt habe, soweit das in München eben geht, freue ich mich darauf, irgendwo im Berliner Osten oder Südosten ein Zimmer zu finden: Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Treptow. Ich war schon oft bei Freunden dort zu Besuch, und jedes mal wollte ich nicht mehr weg. En passant erfülle ich damit schon eins der großen neuen Berliner Feindbilder: Ein Tourist, der sich dann auch noch anschickt, hier zu bleiben – und zwar zu Recht.

Leute wie ich sind wohl Typen, die man, wenn man bei Baudrillard nicht so ganz genau aufgepasst hat, als einen modernen „Hybridtypen“ bezeichnen kann: Auf der einen Seite ein wenig  verwahrlost (ein schwaches „verwahrlost“, so wie ältere Hochschullehrer oft meinen, dass „vor der Bologna-Reform ja schon eine gewisse Verwahrlosung der Studenten geherrscht“ hätte), ein Gammler eben, der den unmittelbaren Genuß des In-den-Tag-Hineinlebens mehr genießt, als den geplanten, wochenlangen Sommerurlaub nach einer Phase hoch-konzentrierter Arbeit. Auf der anderen Seite einwandfrei eingebunden in die halbautistische alltägliche Reproduktion der Gesellschaft: Mit Studium (inklusive sehr gutem ersten Abschluss und kompletter Freiheit von jeglicher beruflichen Perspektive), Nebenjobs als Assistent und Lehrer an der Universität sowie Abends in der Bar, lästigem Bausparvertrag (von der Großtante noch), Steuernummer, BaföG und ansonsten schuldenfrei. Anzugschuhe aber Löcher in der Jeans. Trampen an der Raststätte aber Tour durch Asien. Eliteuniversität aber Arbeiterpartei – so in der Art eben.

Weil das Berliner Ressentiment aber angeblich so unterkomplex ist, fallen Leute wie ich natürlich trotzdem ins Feindbild „Yuppie“. Und gegen dieses Ressentiment wird in letzter Zeit verstärkt mobil gemacht: Das online-Magazin Publikative.org berichtet in seinem Beitrag vom 26. August zwar zunächst über die Zustände der Debatte in Hamburg – gemeint ist aber der gesamte deutsche Gentrifizierungs-Diskurs. So meint der Autor des Publikative-Artikels Patrick Gensing, dass das Hamburger Schanzenfest – das traditionell durch seinen autonomen Charakter ein kulturelles Event gegen Gentrifizierung darstellt – von extremen Krawallbrüderm für eine Inszenierung platter Anti-Yuppie-Militanz missbraucht wurde. Das Fest sei chaotisch und friedlich, also einfach „wunderbar“ verlaufen, bis sich einige selbsternannte Radikale dazu entschlossen hätten, sinnlos eine Straßenschlacht mit der Polizei und anderen Teilnehmern zu provozieren. Dies sei beispielhaft für die „totale Regression“, in die Gentrifizierungskritik bundesweit versunken sei.

Die Doppelmoral hinter dem Lokalchauvinismus

Um eines klarzustellen: Halbgar motivierte Messerstecherei gegen Teilnehmer eines Kulturfests sind zu verurteilen und nicht zu entschuldigen. Gensing kritisiert zurecht die Doppelmoral hinter dem Lokalchauvinismus der scheinbar linken Gentrifizierungskritiker. Es ist tatsächlich müßig, einfach so zwischen „Alteingesessenen“ und „zugereisten Bonzen“ eine Grenze zu ziehen – und zwar schon allein deshalb weil viele der linken Kritiker, die sich an dem Diskurs beteiligen, selbst keine gebürtigen Hamburger (oder Berliner oder Münchner oder etc.) sind. Allerdings sind die Feindbilder der Bonzen und Yuppies eben nicht nur konstruiert – der Zuzug von halbwegs zahlungskräftigen Studenten (also Typen wie ich) und noch zahlungskräftigereren Jungunternehmern in Szene-Bezirke hat ganz reale Auswirkungen auf die Wohn- und Lebenssituation dort. Das darf man nicht unterschätzen. Der Umkehrschluss, den Gensing hier zieht – nämlich den, dass Yuppies nichts mit den Veränderung von Stadtteilen zu tun haben – ist eben auch falsch. Es sind sogar genau diese Leute, die sich nichts dabei denken, wenn sie im Internet eine hübsche, für sie bezahlbare Wohnung für 8,50 € pro Quadratmeter finden – und die dabei sogar  noch denken, sie hätten ein Schnäppchen gemacht, während sie gar nicht merken, dass die Miete satte 60% über den üblichen Preisen in der Nachbarschaft liegt.

Natürlich gibt es auch linke Yuppies und Hipster mit politischem Bewusstsein – das sind aber eben nicht alle. Es gibt viele Verbindungslinien zwischen Hipster-links und Alt-links, zwischen Bio und Sozial, zwischen – wenn man so will wie Gensing – antideutsch und antiimperialistisch. Das Potential dieser, man könnte es kulturelle Formationen nennen (das Wort „Diskurse“ greift hier eindeutig zu kurz), muss erst noch ausgelotet werden. Aber man darf nicht den Fehler machen, sein Heil von vorneherein nur in Gewaltlosigkeit und Verständigung, am Ende gar Wählbarkeit zu suchen. Wie es ein Kommentar, den Gensing sogar selbst zitiert, treffend beschreibt: „Die große Stärke des modernen Kapitalismus ist es ja leider, dass eben die Kritik, wie an diesem Beispiel allzu deutlich zu sehen, mittlerweile fast problemlos assimiliert werden kann in die Vermarktung.“ Genau darum geht es: Wenn man nicht apathisch werden will, muss man jede neue Bewegung auf ihr Potential zur Kritik, die sich der Autokonsumption entzieht, abschätzen. Aber wer kann schon sagen, wann dieses Schätzen abgeschlossen ist? Wer kan diejenigen verurteilen, die von der fair-trade- und Bio-Bewegung und dem wählbaren bündnisgrünen Hipster schon so stark enttäuscht wurde, dass er diese ganze Subkultur noch noch als Feindbild wahrnehmen kann? Ich möchte es nicht ohne weiteres tun.

Die Hipster-Antifa

Eine Gruppe, die sich der Herausforderung stellt, Hipster-Kultur mit politischem Bewusstsein zu verknüpfen, ist die sogenannte Hipster-Antifa. Der Facebook-Auftritt ihrer Ortsgruppe Neukölln zählt zur Zeit rund 4.300 likes. Ihr Motto: „Für die Aufwertung der Kieze – für mehr Bars, Soja-Latte, Wifi und Bio-Märkte! – Luxus statt Armut – Antifa heisst Fortschritt – Smash Heimatschutz!“

In einem Interview mit der taz vom 22. August berichtet ein Mitglied über die Beweggründe, eine solche Gruppe zu gründen. Er spricht ebenfalls eine kulturelle Frage an: „Die Frage ist doch, warum bestimmte Lebensstile politisches Engagement ausschließen sollen? Wieso kann ich nicht mit MacBook und Soja-Latte in Mitte rumsitzen und mich trotzdem strukturellen Fragen widmen und Kommunist sein?“ Die Antwort muss auf jeden Fall immer die Form einer Gegenfrage haben: Bist du es denn? Sind die Leute mit MacBook und Soyalatte denn überdurchschnittlich oft politisch engagiert? Und obwohl wir uns das natürlich alle wünschen: Solange diese Frage nicht eindeutig mit einem emphatischen „Ja“ beantwortet werden kann, und solange die Vertreter der Spezies Hipster oft nicht mal ein Interesse daran haben, in dieser Hinsicht wahrgenommen zu werden, wird man sich hier unangenehme Fragen gefallen lassen müssen.

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