Gegen eine kritische Linke

Kritik ist einer der großen Maßstäbe linker Politik. Man macht kritische politische Ökonomie, man kritisiert die deutsche Ideologie, man kritisiert den Sexismus in der Werbung und an der Uni lernt man etwas über die Kritische Theorie. Schön und gut, das Kritik-Üben hat seine Berechtigung. Doch es führt dazu, dass linke Politik sich vielerorts perspektivlos auf der Suche nach dem unwahren Ganzen im Kreis dreht.

Michel Foucault brachte es 1978 auf den Punkt: Das, was er die „kritische Haltung“ zur Gesellschaft nannte, also eine Haltung im Sinne einer Tugend, im Angesicht der Tricks und Kniffe der etablierten Herrschaft, die ihrerseits bereitwillig alle Werte, Philosophien, Wahrheiten und Standpunkte durcheinanderwirbelt, ist auf dem besten Wege, in eine reine „Frage der Kritik“ abzudriften.

In eine Art und Weise der Kritik also, die sich zunehmend um sich selber dreht; die dem Kapitalismus nicht mehr mit dem Versuch begegnet, dessen unwahres Ganzes zu durchbrechen, sondern immer nur selbst ihre eigenen Identitäten auflöst und verflüssigt, um sie dem Zugriff der Gesellschaft zu entziehen und sie als subversiven Sand in das Getriebe zu streuen, sich aber dadurch nur noch mehr regelrecht zum Treibstoff der Maschine macht, die kulturelles Kapital vermarktet.

Kaum ein anderes Gut ließ sich in letzter Zeit so gut zu Geld machen wie das „Individuelle“ und „Authentische“ des für jeden zugänglichen Alltags. Noch der letzte Bodensatz des Inhaltsleeren oder Inhalt heuchelnden; abgeschöpft durch Instagram und hübsche verpackt und verschnürt übergeben an die großen Monopolisten der virtuellen Welt.

Die gegenwärtige Linke ist ziemlich weit vorne mit dabei. Links ist mehr denn je „arm aber sexy“, die „Hipster-Antifa-Neukölln“ erlebt einen rasanten Aufstieg. Die kritischen Theorien erreichen die kritische Masse, im Umgang mit der arabischen Welt werden den Herrschenden haarsträubendste Paradigmenwechsel von „Feind“ zu „Freund“ und wieder zu „Feind“ erlaubt, als ob’s kein morgen gäbe. Kritikern der Kritiker des Konflikts zwischen Israel und Palästina wird ihr Antisemitismus um die Ohren kritisiert. Feste Positionen sind derweil genauso out wie große philosophische Systeme. Doch woher kommt dieser Wille zur Kritik?

 In der Tat ist dieser Wille nicht einfach aus der großen Not der Langeweile geboren, sondern ist ein völlig berechtigter Reflex auf den altuellen Status der kapitalistischen Gesellschaft. Die Designer des Kapitalismus unserer Zeit haben ein neues, vielversprechendes Feature für sich entdeckt: Ähnlich wie die antiken Ausbeuter bereits darauf kamen, dass es viel günstiger sei, ihre Sklaven nicht rund um den Kalender durchfüttern zu müssen, sondern sie nur dann heranzuziehen, wenn die Konjunktur es erfordert, dann aber bitte zu den gewohnten Bedinungen, wird heute klar, dass es viel einfacher ist, nicht gegen irgendwelche Mehr- oder Minderheiten anzuregieren. Anstatt, wie die letzten hundert Jahre, der Gesellschaft möglichst feste, kategorisierbare Formen aufzuprägen, auf die man im Zweifelsfall zählen kann, bringt es die nachmoderne Kommunikationstechnologie mit sich, dass heute nicht einmal mehr vereinzelte Personen angesprochen werden müssen: Es reicht aus, bestimmte Facetten, Masken und Aspekte der Masse abzugreifen, um die daran hängenden tatsächlichen Personen ganz nach Geschmack – und der Appetit ist groß – an sich zu binden.

Die traditionelle (wenigstens das noch) antikapitalistische Linke nimmt in einer Phase relativer Schwäche die Einladung dankend an und macht sich daran, jede dieser einzelnen Facetten einzeln zu verteidigen. Das ist einerseits ein nobles und richtiges Unterfangen. Andererseits führt sie hier einen Abwehrkampf, der in gewisser Weise schon an dem Punkt verloren war, an dem der Kapitalismus überhaupt in die Situation kam, sich derart am Innersten der Menschen zu vergreifen. Deswegen kann nicht von einer wahren Opposition gesprochen werden, wo man sich der Differenzierung dieser Sphären einfach hingibt. Natürlich hat sich die klasssische Linke zu Beginn dieses Prozesses nicht gerade mit Ruhm bekleckert – die Rede vom berühmten Hauptwiderspruch, der Vorrang vor allen anderen Schweinereien genießen soll, ist das herausragendste Beispiel dafür. Auch der Feminismus musste sich Anerkennung in den marxistischen Lagern leider erst bitter erkämpfen. Ähnlich ging bzw. geht es auch anderen Themenfeldern. Das musste über die Zeit dazu führen, dass es in der Linken allmählich zum guten Ton gehört, den Hauptfeind im eigenen „linken Diskurs“ zu suchen – das ist nämlich auch viel einfacher.

Ablesen konnte man das beispielsweise an dem unsäglichen Streit um die Verleihung des Adorno-Preises an die Philosophin Judith Butler. Butler engagierte sich gegen den Staat Israel. Dieses Engagement gehört natürlich (kritisch, da haben wir’s wieder) hinterfragt: Aber zwischenzeitlich nahm dieser Streit die Form an, Butler, die fraglos eine wichtige Figur der dritten Welle des Feminismus darstellt und der kritischen Theorie darstellt, so sehr sich manche Wadenbeißer auch an der gegenteiligen Behauptung kapitalisieren, zu dem antisemitischen Hauptfeind der Linken schlechthin zu erklären. Das ist falsch. Es ist ja, zumindest im Moment, nicht so, als wäre die deutsche Linke im Begriff, ein antisemitisches Hass- und Mordgeschwader zu werden. Und außerdem: Nichts könnte denkbar unwichtiger für den Nahost-Konflikt sein als die Kritik der Verleihung irgendeines dämlichen Preises von Kritikern an Kritiker im Namen von Kritikern.

Man könnte jetzt sagen: Wehret den Anfängen! Nun ja, richtig. Man könnte aber auch eine andere Theorie in Anschlag bringen: Und zwar könnte man behaupten, ein nicht gerade kleiner Teil der Linken habe sich wunderbar in ihrem eigenen Diskursraum eingerichtet und benötigt gar keine andere Daseinsperspektive mehr außer derjenigen, irgendwelchen Anfängen zu wehren. Die immerwährende Reflexion der eigenen Verblendung muss nämlich nicht notwendigerweise zu einem Erkenntnisfortschritt führen: Wenn man den Willen zu so einem Fortschritt nämlich nur vorschützt, kann man letztlich alles kritisieren, und derweil bequem Ausbildungsförderung kassieren. Und letztlich kann sich auch ein Aufsatz wie der vorliegende diese automatischen Selbst-Konsum-Maschinerie nicht mehr entziehen.

Auf diese Weise lässt sich nämlich wunderbar kulturelles Kapital schaffen. Kapital freilich, dass nur innerhalb einer geschlossenen Linken als Guthaben wirkt, außerhalb derselben aber eine ziemliche Bürde darstellt: Nämlich immer dann, wenn man anderen Menschen erklären möchte, was das alles denn überhaupt noch mit der Welt zu tun haben sollte.

Aber was ist es eigentlich an der Form ‚Kritik‘, das sie so attraktiv macht? Immanuel Kant hat Kritik in einem ganz bestimmten Kontext erklärt: Nämlich als Hilfsmittel zum „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Die große Frage, die sich in sofort aufdrängt, sobald man über diesen Satz nachdenkt, lässt sich ganz einfach formulieren: Wenn die Menschen denn unmündig sind, wo sollen sie dann einen Maßstab finden, an dem sie messen können, ab wann sie mündig sind? Dieses Problem zieht sich bis in unsere Zeit: Woher sollen wir denn wissen, ab wann eine Handlung, ein Projekt oder ein politisches Programm wirklich emanzipatorisch, fortschrittlich und dergleichen ist?

Deswegen entwickelt Kant seine drei Kritiken: Es gilt, herauszufinden, wie weit die Vernunft denn reicht, ob die Vernunft sich selber nach vernünftigen Regeln setzen kann und wie dieser Prozess dann aussehen müsste. Diese Fragestellung ist es, die sich in der neueren Zeit zunehmend verselbstständigt hat. Angefangen bei den Kritiken, die gezeigt haben, dass alle Versuche, die Frage nach der Vernunft zu beantworten, selber am Grunde auf bestimmten Widersprüchen basieren, ist man dazu übergegangen, überhaupt von vornherein abzulehnen, dass es solche Lösungen und Geltungen überhaupt geben könnte und alles überhaupt relativ sei.

Die Frage, was denn Aufklärung ist, verkommt in dieser Welt zu der Frage nach der Kritik der Grundlagen dieser Aufklärung. Das können wir ablesen an der Philosophie unserer Zeit bzw. an unserem leichtfertigen Umgang damit. Und auch die Linke ist nicht mehr and er Aufklärung, sondern nur noch an der Kritik interessiert. Das hat uns dahin geführt, zu glauben, das alles, was sich irgendwelchen Geltungen entzieht oder sich auch nur mit den Geltungen von Begriffen beschäftigt, automatisch subversiv und eben auch antikapitalistisch ist. Das ist ein großer Irrtum.

Der Kapitalismus führt uns in großen Schritten vor, wie weit seine starke Hand noch in das individuelle, alternative, queere und sogar groteske hinein reicht. Es besteht die reelle Gefahr, dass die Linke mit ihrer Kritik, die immer anderes, immer diverseres und immer neures, hippes und abgefahrenes produziert, das Rennen gegen den Kapitalismus verliert, der genau dasselbe tut, nur institutionalisierter, schneller, besser, sauberer und durchfinanzierter. Wir sehen das an uns selbst: Nichts ist einfacher, als heute irgendwie links, anti und alternativ zu sein. Nichts gehört mehr zum Standardrepertoire, als sich irgendwo als einzigartiges und authentisches zu positionieren. Das schlimme ist, das alle Orte, an denen vielleicht wirklich irgendwo einzigartiges oder authentisches verborgen liegt, durch diese Bewegung mitgerissen wird. Der Kapitalismus hat uns im Schwitzkasten: Indem wir versuchen, uns ihm auf diese einfache Weise zu entziehen, verlieren wir selber die Mittel und die Zwecke, für die es sich überhaupt erst zu kämpfen lohnt.

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Eine Antwort

  1. abcde

    „Gegen eine kritische Linke“ ist gleichzusetzen mit „Kritik der kritischen Linke“ und somit ein Widerspruch in sich. Ein paar Gedanken in einem Theorietext zusammengemixt und soweit von der Realität abstrahiert bis sich ein jeder die (in diesem Text formulierte) Frage stellt, „was das alles denn überhaupt noch mit der Welt zu tun haben sollte“?

    Januar 11, 2014 um 8:27 pm

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