Beiträge mit Schlagwort “Bildung

Im Namen des Volkes

Sie urteilen,

Im Namen des Volkes,

Doch das einzige Repräsentandum, dass sie kennen, sind ihre eigenen Egos und  ihre eigene Gewinnsucht, ihr Drang  nach Profil und Schneid. Gleichsam ihre eigenen Schwächen, ihre lächerlichen Abhängigkeiten, ihre sich selbst aufgezwungenen Glauben an das große Ganze, ihre Sucht nach Geltung im Gesamtzusammenhang; ihre eigenen Psychosen, ihre eigene Angst und ihre eigene stinkende Fettleibigkeit. Arm sind sie an Güte und Verstand, einzig ihre Anmaßung ist maßlos. Und damit urteilen sie dann,

Im  Namen des Volkes.

Frondienste, Arreste und Zucht sind ihr Geschäft. Zucht? Zu was! Zum funktionieren in ihrem System, Reihe stehen in ihren Gliedern, Maul halten für ihren Frieden und mitspielen im Spiel, in dem sie und immer nur wieder sie gewinnen können! Zu der Ordnung, so wie sie in ihren Büchern steht! Zu der Bildung, die sie für ihre Maschinen brauchen! Zu der Kreativität, die ihre Kultur entwickelt! Zur Entwicklung, die ihrer Wohlfahrt dient. Zum Respekt, den sie für sich einfordern. So urteilen sie dann,

Im Namen des Volkes.

Allgemeinheit, Staat, Nation, Gemeinwohl, dass sind ihre besten Interessen? Sie legen den Menschen ihre Worte in den Mund, und schütten Branntwein hinterher, damit es erträglich schmeckt. Sie flüstern den Einzelnen ihre Ängste ein, und zelebrieren schaurig Mummenschanz, damit man es als notwendig versteht. Sie vergiften den Hungrigen mit synthetischem Essen, damit selbst Hunger nicht zweifeln lässt.  Sie demütigen ständig Alle, damit die Demut zum Normalzustand wird. Sie erlügen, betrügen und erstinken eine Nation und ein Gemeinwohl, bis der Einzelne seine eigene Misére nicht mehr sehen kann und den Dreck, in dem er hungert, bricht und west, als seinem Vaterland sich suhlt und das Blut der Anderen als von irgendeiner verschiednen Art und Rasse zu erkennen meint, wo er eigentlich nur sein eignes und seiner Artgenossen und Freunde Blut im Staub erblickt. So urteilt er dann,

Im Namen des Volkes.

Im Namen des Volkes distanciere ich mich nun; von den Egos, den Profilieren, den Strebern und Gewinnern, von der Abhängigkeit; vom Zwang, vom Glauben, vom Ganzen, von der Geltung; von den Psychosen und der Angst, von der Anmaßung und der Fettleibigkeit, von der Zucht, von der Ordnung, von der Bildung, von der Kreativität und der Kultur; vom Branntwein und dem Gift, von der Angst und von der Propaganda, vom Lügen und Betrügen, vom Hunger und von der Demut, von der Nation, vom Staat und von der Allgemeinheit. So urteile ich dann,

Im Namen des Volkes distanciere ich mich vom Namen des Volkes.


Munich Student Council Dawns; Marat Not Dead.

Die Studentische Vollversammlung München steckt die Fronten für eine neue inneruniversitäre politische Diskussionsreihe ab.
Drei Referate zur Lage – So hatte die Studierendenvertretung das Programm der heutigen Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München geplant. Erschienen sind zur Sitzung von den etwa 45.000 Studenten immerhin ca. etwas mehr als 1000, darunter viele der „üblichen Verdächtigen“ und bekannte Gesichter von den Aktionen  des Sommers und des letzten Winters, aber auch einige interessierte Erstsemester.
Drei konkret inhaltliche Diskussionen sollen sich jeweils an die Referate anschließen. Doch die Diskussion wendet sich schnell den großen, abstrakten Fragen zu, die den Kontext der aktuellen bildungspolitischen Probleme betreffen. Das lag zum Teil an den wirklich unangenehmen Nachrichten, welche die vier Referenten für die versammelte Mannschaft in petto hatten.
Den Anfang machte Eva Blomberg, die Geschäftsführerin der StuVe. Sie berichtete über die aktuelle Haushaltslage der LMU, die teils wirklich grotesken Betreuungsverhältnisse und die Kürzungen, von denen bis zur offiziellen Verlautbarung am 21.12.10 noch niemand die genaue Höhe zu sagen vermag. Zwischen 30-50 Millionen € sind als Größenordnung der Kürzungen zu erwarten. Fest steht bisher aber nur, dass aus den bereits fertig geplanten Haushalten der bayerischen Universitäten als Sofort-Sparmaßnahme 13 Mio abgezogen werden. Nach Schätzungen der StuVe könnte die LMU durch alle Einsparungen insgesamt mit bis zu 15 Millionen € betroffen sein. Dazu kommen der doppelte Abiturjahrgang und die Wehrpflichtaussetzung, die bereits jetzt sehr schlechte finanzielle Situation u.v.m. Gute Nachrichten sehen anders aus.
Die anschließende Diskussion beginnt mit Nachfragen an die StuVe: Wie sieht die Unileitung das Ganze? – Sie sieht es kritisch und steht auf der Seite der Studierenden, das ist weder überraschend noch etwas neues. Schließlich geht es grade auch um ihr Geld. Was tut die StuVe konkret? Doch schnell schweift die Diskussion ab: Was kann man denn überhaupt noch tun? Es scheint ja fast so, als ob keine Einzige aller bisherigen Aktionen – ob es Briefe, Proteste oder Besetzungen waren – auch nur die geringste Wirkung gehabt hätte. Weder wurde das Minimalziel der verfassten Studierendenschaft erreicht, noch die Studiengebühren abgeschafft, noch die Betreuungssituationen verbessert noch die Bologna-Reformen in Frage gestellt. Was kann man also noch tun?
Zuerst werden von den Diskutanten die traditionellen Methoden beworben: Also mehr Demonstrieren, mehr Versammlungen, mehr Politisierung der Studentenschaft – Höher, schneller, tiefer quasi: „Wenn wir wirklich laut sind haben die da oben keine Chance gegen uns.“ Andere weisen eher darauf hin, dass man den Protest auf eine andere Ebene holen muss: „Landtag belagern“ scheint hier zunächst das Stichwort zu sein. Und ein klein wenig  Affinität für den französischen und englischen Modus Insurrectione schimmert dabei durch; man fühlt sich an den maratschen Geist erinnert, dem Volksfreund, der zum Wohle der Allgemeinheit auch zu unkonventionellen Methoden greifen möchte . Doch der Eindruck verfliegt schnell wieder. Anschließend wird noch über die Ausweitung des Protests durch das knüpfen von Anschlüssen an andere soziale Bewegungen gesprochen – konkret mit den Gewerkschaften des öffentlichen Dienst, die demnächst auch wieder vor einer Verhandlungsrunde stehen werden. Ein wenig Begeisterung ist dafür zwar da, aber gegen ein derartiges Farbe bekennen sträubt sich offenbar einiges in den Köpfen der Studenten. Bildungsdemos haben eben den Vorteil, dass sie gegenüber anderern Bewegungen so unverbindlich und indifferent bleiben können. Die Erfahrung, dass solche Exklusivveranstaltungen zwar unabhängig, aber dafür auch so gut wie wirkungslos geblieben sind, sitzt vielen der Aktiven offenbar als lupenreines Gefangenendilemma im Nacken. Die Frage bleibt deshalb auch ohne Antwort. „Was tun? – Keine Ahnung.“
Den dramatischen Höhepunkt des Abends setzte im Anschluss daran Malte Pennekamp, Sprecher der LandesAstenKonferenz (LAK). mit seinem Bericht über die aktuelle Novellierung des bayerischen Hochschulgesetztes, die den meisten Anwesenden noch völlig unbekannt war. Informiert und als der gute Redner, der er ist, erklärte er anschaulich die problematischen Aspekte des neuen Gesetzes. Und die sind bei weitem nicht von Pappe. Mit der Einführung von sogenannten berufsbegleitenden Studiengängen könnte es für zukünftige Studentengenerationen noch richtig dicke kommen: Faktisch keine Obergrenzen mehr für Studiengebühren, der Privatisierung wird Tür und Tor geöffnet. Und die viel diskutierte „Ökonomisierung“ der Uni, also der Ausrichtung des Studiums auf die Bedürfnisse der „freien Wirtschaft“, wird wohl in Zukunft nicht mehr aus den kleinen Details der Studienordnungen und Finanzpläne mühsam herausgearbeitet werden, sondern dürfte wohl zum offen sicht- und spürbaren neuen Mainstream der Hochschulpolitik werden.
Nicht wenige der Versammelten starten angesichts dieser Aussichten ziemlich baff in die Diskussionsrunde. „Was tun?“ – das scheint angesichts dieses Ausmaßes gar keine vernünftige Kategorie mehr zu sein. Man kann fast beobachten, wie sich in manchen Köpfen die Tragweite der eben gehörten Ausführungen einarbeitet: Hier kann es nicht mehr nur um  die Unis an sich gehen. Angesichts solcher Pläne wird überdeutlich, dass die gesamtgesellschaftliche Dimension der Bildungsproteste, um deren Anerkennung sich von Teilen der Bewegung kontinuierlich bemüht wurde und deren Bedeutung von anderen Teilen der Bewegung kontinuierlich klein geredet wurde, nicht mehr länger geleugnet werden kann. An den neuen Plänen des Landtags sieht man es nun endlich deutlich und ohne großen Spielraum für Interpretationen: Ja, es gibt eine Privatisierung! Ja, wir richten die Universitäten sogar definitiv und mit Emphase auf die Anforderungen der Firmen aus! Und ja, wir pfeifen drauf, was die Studenten dazu zu sagen haben!
Damit wird – endlich – ein Schritt in die Richtung gemacht, und wieder darüber geredet, was denn eigentlich erreicht werden soll, statt nur über die Methoden zu reden. Demos, Besetzung, Lobbyarbeit? Wohin will man denn damit? Was bringt es noch, jetzt um die „richtige“ Verwendung von Studiengebühren zu debattieren, wenn demnächst die totale Privatisierung ins Haus steht?
Das letzte Referat über die unzufriedenstellende Verwendung der bereits erhobenen Studiengebühren konnte im Anschluß daran nicht mehr wirklich schocken. An die moralische Klausel, dass die Studiengebühren tatsächlich zu einer Verbesserung der Lehre und nicht nur zum stopfen von Haushaltslöchern verwendet wurden hat doch ehrlich gesagt sowieso niemand geglaubt. Die Diskussion hat dann auch sichtlich an Elan verloren und wurde pünktlich aufgelöst, nachdem die Reihen sich schon vermehrt geleert hatten.
Was bleibt? Die Seniorstudenten, welche die an die Vollversammlung anschließende Ringvorlesung besuchen, stoßen sich vor allem an zurückgebliebenem Müll. Eine ältere Dame bringt das, was sie sieht, auf den Punkt: „Die jungen Leute, die denken einfach nicht.“ Damit könnte sie mehr Recht gehabt haben, als ihr lieb sein kann. Denn was viele der Studenten der Vollversammlung von ihrem Standpunkt aus nicht sehen können ist die zweischneidige Rolle, die ihre Aktivität in der Bewegung mit sich bringt: Einerseits bringen sie sich durch ihr Engagement und ihr Auflehnen tatsächlich irgendwie für „die richtige Sache“ ein – das ist nicht zu leugnen. Doch andererseits gerät ihre Subversion dabei zu einer Triebfeder genau des Kapitalisierungsprozesses, gegen den sie eigentlich ankämpfen: Durch einen Protest, der sich entweder unter der Hand oder auch explizit als nur partikulare Interessenvertretung der Studenten versteht, wird effektiv das Widerstandspotential  in kontrollierbare (= politisch ignorierbare) Bahnen kanalisiert und letztlich absorbiert. Die Studierendenschaft wird effektiv gespalten in ein konkretes und ein abstrakt argumentierendes Lager. Das wiederrum verhindert effektiv eine enge Zusammenarbeit mit anderen sozialen Bewegungen. Und die Illusion von politischer Teilnahme am Bildungspolitischen Prozess verhindert ein distanciert-kritisches Bewusstsein der Aktiven. Illusion von politischer teilnahme? Ja: Die politische Aktivität der Bildungsproteste beschränkt sich auf die legitimen Partizipationsformen der repräsentativen Demokratie: Parteienarbeit, Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit – Das sind zweifellos gute politische Tugenden, aber auch die stumpfesten. Zusätzlich findet all dies im institutionellen Rahmen der Studeierendenvertretung statt. Das festigt die strukturelle Hemmung: Wenn man nämlich vor bildungspolitischen Problemen steht, die man eindeutig als Teilaspekt  allgemeinpolitischer Probleme identifiziert, aber kein allgemeinpolitisches Mandat tragen darf, können die Probleme nicht and der Wurzel angegangen werden. Und noch mehr: Gerade durch das Engagement in diesem Rahmen (inklusive dem Abwürgen aller anderweitiger Tendenzen als Sektierertum und Spalterei) reproduziert man genau den repräsentativdemokratischen politischen Normalbetrieb, der selbst Teil der Problemursache ist!
Also was bleibt? Dasselbe wie immer: Ein politischer Diskurs, der sich im wesentlichen dadurch am Leben hält, dass er einfach immer weiter geht. Das muss prinzipiell noch nichts Gutes oder Schlechtes sein. Man sollte aber nie aus den Augen verlieren, dass hier nicht der Raum für die großen politischen Würfe sein wird – nicht sein kann. Der nächste Schritt ist dann, sich darüber klar zu werden, was man dagegen tun kann.

Kritische Stichpunkte zur Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München

Kritische Stichpunkte zur Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München

I.Übersicht: Die Punkte der StuVe:

Chronische Unterfinanzierung, ————————————————–\
Studiengebühren (auch neue und höhere) ———————————–\
drohende Kürzungen, ————————————————————-1.1
überfüllte Vorlesungen und Seminare, ——————————————–\
zu wenige Masterplätze —————————————————————- 1.2
mangelnde Vorbereitung auf den doppelten Abiturjahrgang, ————— 2
kein Semesterticket, ———————————————————————3
unzureichende studentische Mitbestimmung. ———————————– 4
II.Weitere Punkte
Betrifft: Verständnis von Solidarität ———————————————- 5
Zum methodischen Bewusstsein (zum revolutionären Bewusstsein) — 6

I. Zu den Punkten 1.1/1.2 der StuVe.

a) Unis kosten Geld. Das Geld muss von der Gesellschaft als ganzes irgendwie an die Unis gebracht werden. Wenn Geld verteilt wird, wird automatisch auch immer in die eine oder andere Richtung UMverteilt, da kommt man gar nicht dran vorbei. Wenn man aber nur pauschal mehr Geld (oder eben keine Kürzungen) fordert, verkennt und verdeckt man den Umverteilungsaspekt und reproduziert nur den semantischen gleiche-Belastung-für-Alle Trick der Politik.

Genau das passierte ja auch bei den Studiengebühren: Für Leute, die es sich leisten können, spricht ja egtl nichts dagegen, mit Gebühren zur notwendigen Finanzierung der Unis beizutragen. Das Problem ist die strukturelle Benachteiligung derer, bei denen die Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen, sowieso schon niedriger liegt.

Deswegen sind auch Kritiken berechtigt, die das Aufbegehren der Studenten als Jammern auf hohem Niveau n – denn die Studenten sind ein privilegierter Teil der Gesellschaft, wenn auch vllt. nicht der privilegierteste von allen.

Zitat eines Gegners der Vollversammlung:

„Kann ich dann auch kommen und euch allen sagen, dass ihr alle an dem Geld der Arbeiter parasitiert, wo sie Euch 11000 Euro jährlich ausgeben müssen und ihr nicht mal 10% davon zahlen wollt? Die Studiengebühren werden sich auch in der Zukunft vergrößern, bis es wie in USA oder Großbritanien wird. Man kann keine finanzielle Probleme mit Mehrheitbeschlüssen lösen. Diese Versammlung ist genau so sinnlos wie das Wort Kuh in einem Satz mit dem Wort Jupiter. „Das werden wir nicht zulassen!“ hahahaha, wo kommt der Satz her? Ihr habt keine Macht in der Lösung Euer Probleme. Ihr sitzt immer noch auf dem Gelde der Mutti und der Arbeiter. Also ab nach Hause und lernen, lernen, und noch mal lernen, anstatt die Zeit zu verschwenden.“

Richtige Analyse – falsche Schlußfolgerung: Die zitierte Person argumentiert hier, dass die Studierenden gegenüber den Arbeitern privilegiert sind, und dass diesem Unterschied durch hohe Studiengebühren Rechnung getragen werden soll. Die Perspektive sollte aber nicht sein, den Graben zu verfestigen, indem man durch Studiengebühren „die Studierenden“ noch stärker von „den Arbeitern“ trennt, sondern den Unterschied aufzuheben.

Deswegen denke ich, dass die Kategorien „mehr Geld“ (oder „nicht-weniger-Geld“) nicht die richtigen Bahnen für den Protest sind. Stattdessen sollte offen über ein Finanzierungskonzept von Unis geredet werden dürfen, im Rahmen von sozialer Gerechtigkeit, soweit man an soziale Gerechtigkeit in diesem System eben glaubt.

b)Es gibt andere, wichtigere Schrauben, an denen gedreht werden muss, als den Geldhahn. Ein Beispiel sind die Bachelor-Regelstudienzeiten:

Es ist fast ein Gemeinplatz geworden, dass die Bologna-Reform das 4 jähirge Diplom in einen 3 jährigen Bachelor gepresst hat. Ob das stimmt oder nicht sei dahingestellt, man darf aber wohl davon sprechen, dass sich die Arbeitsbelastung durch die erhöht hat, was sich insofern auswirkt, dass sehr viele Bachelorstudenten – besonders solche, die sich nebenher noch für Aktivitäten außerhalb ihres Fachgebiets, wie Sprachen interessieren – den Bachelor in 7 oder 8 Semstern statt in 6 abschließen wollen. Das stellt für manche auch gar kein Problem dar, die Höchststudiendauer deckt das ab. Ein großes Probem stellt das aber für Studenten aus finanziell schwachen Familien dar. BAFöG gibt es nämlich nur und ausschließlich bis zum Ende der Regelstudienzeit von 6 Semestern. Danach weiterzustudieren wird für Studenten ohne finanzielles Polster unmöglich, es sei denn durch vollverzinste Volldarlehen. Hier werden, genauso wie durch die allgemeinen und für Alle gleichen Studiengebühren, finanziell schwache Familien und Studierende eindeutig stärker benachteiligt.

Natürlich kosten Maßnahmen gegen diesen Effekt am Ende auch Geld, aber der Diskurs muss von einer ganz nderen Seite her geführt werden: Nämlich von der Seite der sozialen Gerechtigkeit.

c) Solche Argumentationsstränge über soziale Gerechtigkeit/Ausgleich gehen aber (oder sind schon seit letztem Winter) verloren. Letztlich wird Interessenpolitik für eine konstruierte Allgemeinheit der Studenten betrieben. Und um das zu stützen beruft man sich dann im Endeffekt auch noch auf ein konstruiertes gesellschaftliches Allgemeinwohl á la „wir brauchen Akademiker für Deutschlands Zukunft“. Man sieht daran, wie der Diskurs die politischen Kommunikationskanäle für andere Probleme verstopft. Niemand redet mehr über Probleme an Hauptschulen, Realschulen (oder über das dreigliedrige System an sich), Ausbildungsstituationen etc. oder wenigstens über die soziale Ungerechtigkeit der Studiengebühren, sondern über fehlende Finanzierung allgemein. Eine kritische Linke sollte diese Diskurse wieder ausgraben.

d) Eng damit Verbunden sind dann auch die gesamten Auffassungen und Vorstellung über die Rolle der Universität in der Gesellschaft und damit auch der Arbeitsweise des gesamten universitären Betriebs.

Eine vollständig von staatsökonomischer oder privatwirtschaflicher Finanzierung abhängige Universität braucht sich gerade eben nicht die Vorstellung machen, einem universalistischen aufgeklärten Bildungsideal entspechen zu können. Besonders zynisch sichtbar wird das an dem gefügelten Label „Unsere Uni“: Das Label suggerriert einen freigeistigen, von äußeren Einflüssen freien Ort unabhängiger Bildung – Was auch der ursprünglichen vagen Idee einer „nicht-ökonomisierten Universität“ entsprach. Mit diesem Label wurde eine das Bild einer „besseren Vergangenheit“ projiziert.

Es sollte aber erlaubt sein, einmal andersrum darüber nachdenken: Vielleicht waren die Universitäten auch früher eben NICHT wunderbare Horte von freigeistiger autonomer Intelligenz. Und vielleicht tragen die Kürzungen in Verbindung mit dem immer zunehmenden Andrang auf die Unis einfach nur kurzfristig dazu bei, dass man diese immer schon vorhanden „Unfreiheiten“ wieder vermehrt spürt. Nur gegen die Kürzungen zu sein ist somit keine Perspektive, die unter dem Label „Unsere Uni“ laufen kann. Viel eher würde man damit ein im tiefesten inneren exklusives System restaurieren, dass die Bezeichnung „Unsere, aber nicht eure Uni“ verdient.

WENN das zutrifft, könnte man sich Gedanken drüber machen, dass die Kürzungen vielleicht nicht nur ein Problem, sondern eine Chance für die Idee der Universität ist. Wenn die Mehrheit der Menschen sich dafür entscheidet, dass ein großer nach außen hin freidenkerischer akademischer Apparat – also das, was man gemeinhin als den großen Humboldt-Mythos hochstilisiert, was sich aber de facto dann doch eher als eine Reproduktionsmaschine sozialer Ordnung erweist – nicht mehr gewünscht ist, sollte man das akzeptieren und als Gelegenheit nehmen: Als Gelegenheit, die Universität aus ihrer zentralen Rolle als Teil des Reproduktionsmechanismus für soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit herauslösen und sie tatsächlich unabhängig und autonom machen: Zu jedermanns Uni. (sh. auch die vielen Kontroversen Debatten der Winterbesetzungen zum Thema Zugangsbeschränkungen etc.)

II. Weitere Punkte anhand von Zitaten aus der Diskussion in der heutigen Vollversammlung Regensburg:

Manche dieser Punkte werden sicher so oder so ähnlich auch morgen im Audimax auftreten. Manche der Redebeiträge sprechen in ihrer Absurdität für sich selbst.

1. Die Uni-Streik bewegung frisst jede vernünftige Bildungspolitischen Perspektiven auf.

Redebeitrag: „Solidarität mit den doppelten Jahrgängen, die ein Not-Abitur schreiben.“

Haben wirklich die Gymnasiasten Solidarität nötig? Man könnte vielleicht eher über Solidarität mit den Hauptschülern, denen von den miesesten Lehrern nie eine Perspektive gezeigt wird außer in Leben im Einzelhandel, Solidarität mit Hartz 4lern die als Arbeitslosen-Reservearmee verwaltet werden und Solidarität mit den Leuten aus den Banlieus und aus der 3ten Welt, aber doch nicht mit Abiturienten!?

2. Thema Profil nach Außen: Welche gesellschaftlichen Fronten wollen/sollen wir aufmachen?

Redebeitrag: „Wir brauchen auch die Solidarität der großen Firmen. Wir werden alle mal führende Positionen in Firmen einnehmen, und die Firmen brauchen uns, deswegen sollten wir ihre Stimmen auch mobilisieren.“

Redebeitrag: -“ Unser Kampf ist Angelegenheit von Allen, die in die höhere Bildung wollen.“

3. Zum methodischen Bewusstsein – Modus operandi plenarium, Öffentlichkeit, Denk-Tabus?

-Für die meisten ist die Vollversammlung ein lustiger Spaß. Nichts gegen Spaß, aber das virulente rumgekaspere und sich-selbst-beweihräuchern ist kontraproduktiv.

-Ebenfalls immer wieder gern: Alle freuen sich, weil jeder mal Bundestag spielen darf. Wohin das praktisch führt, das haben die Winterproteste gezeigt.

– Stichwort Medienwirksamkeit: Ist Medienwirksamkeit ein Wert an sich? Ich meine: nein.

Redebeitrag:„Wir brauchen unbedingt Prominente, die sich für unsere Sache einsetzen.“ -Achja?

Redebeitrag: „Wir müssen radikaler werden und sollten die Gebühren statt auf das Konto der Uni auf Treuhandkonto überweisen“ – Das ist also radikal?

Redebeitrag: „Wenn das so weiter geht, könnten wir ja auch gleich selber rausgehen und an unserer Uni Reparaturen durchführen und die Bibliothek selber managen.“

-Stimmt, genau das könnten wir tun. Warum erscheint das allen so unplausibel?

4. Spiegel: Fachschaftermeinungen und Kommentare aus Regensburg

Erster Sprecher: „Die Kürzungen sind verheerend – sie gefährden den Fortbetrieb der Universität in der derzeitigen Form!“

– Also worüber Reden wir? Die Kürzungen oder die derzeitige Form des Betriebs?

Thomas Jancke, philosophische Fakultät 1: „Wir sollten uns (!) nicht unter Wert verkaufen, Erhöhen statt Kürzen, was wir brauchen ist mehr Geld!“

Mariana Mühlbauer (SprecherInnenrat): „Wir brauchen eine Verbindung von ALLEN gesellschaftlichen Gruppen: Kampf allgemein gegen die Sparpakete. Auch die Atom-Laufzeit-Verlängerung ist ein Sparpaket, mit dem wir als Studenten (!) uns beschäftigen müssen.“

– Das klingt doch ziemlich vernünftig.


Bourdieu und Passeron

Carsten Brettschneider

Die Illusion der Chancengleichheit I

1. Einleitung
In dem vorliegenden Abschnitt „Auslese und Gnadenwahl: Soziale Struktur und Studienerfolg der Studenten“ aus dem Buch „Die Illusion der Chancengleichheit“ von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron aus dem Jahre 1971 nehmen die Autoren eine Analyse der sozialen Struktur französischer Universitäten zu Beginn der 70er Jahre vor. Hierbei kommen die Autoren zum Schluss, dass es eine Ungleichheit der Bildungschancen für die einzelnen Gesellschaftsklassen gibt, was sie insbesondere aus der Missrepräsentation der sozialen Klassen an den Universitäten herleiten. Desweiteren nehmen die Autoren eine Analyse der Differenzierungsfaktoren vor, die diese Ungleichheit der Bildungschancen bedingen.

2. Zur sozialen Struktur an französischen Universitäten

2.1. Repräsentation der Klassen
Aus Tabelle 1 geht hervor, wie groß die Wahrscheinlichkeit, und damit verbunden die objektive Chance eines Hochschulbesuches für Kinder mit entsprechender familiärer Herkunft Anfang der 70er Jahre in Frankreich ist. Hierbei zeigt sich deutlich, dass insbesondere für Kinder aus unterprivilegierten Klassen (Arbeiter, Bauern, Dienstleistungspersonal) die Chance eines Hochschulbesuch mit Werten zwischen 0,7 % und 3,6 % verschwindend gering ist und somit für Kinder jener Gesellschaftsschicht nur eine symbolische Chance auf einen Hochschulbesuch besteht. Für Kinder aus Angestellten und Selbstständigenfamilien schwanken die Werte zwischen 9,5 und 16,4 %, während sie sich für Kinder aus der mittleren Schicht auf 29,6 % verdoppeln. Für Kinder aus Freiberuflerfamilien und Führungskadern liegen die Chancen mit 58,5 % nochmals doppelt so hoch. Es besteht also ein krasses Missverhältnis, was die Studienchancen für Kinder aus den einzelnen Klassen angeht. Ein Studium ist für ein Arbeiterkind alles andere als eine Selbstverständlichkeit, während es umso wahrscheinlicher wird, je höher man in der sozialen Struktur familiär verwurzelt ist.
Dieses Missverhältnis tritt noch umso deutlicher zutage, wenn man die Anzahl der Studierenden aus der jeweiligen Klasse mit der Repräsentation ihrer Klasse in der arbeitenden Bevölkerung vergleicht (vgl. Graphik 2). Hierbei zeigt sich, dass die an der Universität am stärksten vertretene Klasse der Freiberufler und Führungskader in der arbeitenden Bevölkerung am schwächsten vertreten ist.
Die Autoren sehen diese Zahlen als das Ergebnis eines Ausleseprozesses, der bereits schon in der Schule beginnt und der im Falle der unterprivilegierten Klassen zu der fast totalen Eliminierung ihrer Studienchancen am Ende der Schulzeit führt.

2.2. Fächerwahl
Auch bei der Fächerwahl tritt ein Gefälle bezüglich der sozialen Herkunft hervor. Hier wird deutlich, dass die unteren Klassen in ihrer Wahl stärker eingeschränkt sind (vgl. Graphik 2). Generell ist eine Abdrängung der minderprivilegierten Klassen auf ein Studium an der philosophischen oder naturwissenschaftlichen Fakultät festzustellen. So liegt z.B. die Chance auf ein Jura-. Medizin- oder Pharmakologiestudium für Landarbeiterkinder bei 15,3 % und für Arbeiterkinder bei 17,3 %, während sie für Kinder mittlerer Kader auf 23,9 % und für Kinder aus Führungskadern sogar auf 33,5 % ansteigt.

2.3. Wahl der Universität
Sind die Zugangschancen auf die verschiedenen Disziplinen bereits schon durch die soziale Herkunft determiniert, so gilt dies insbesondere für die Verteilung der Studierenden auf die einzelnen Universitäten. Wie aus Tabelle 2 hervorgeht, nimmt der Anteil Studierender privilegierter Herkunft mit steigendem Prestige der jeweiligen Universität zu. Besonders deutlich wird dies an der Ecole Normale Sup,rieure und der Ecole Polytechnique, die zu 57 %, bzw. 51 % von Söhnen und Töchtern aus Führungskadern und Freiberuflerfamilien besucht werden, sowie zu 15 %, bzw 26 % von Kindern mittlerer Kader.

2.4. Länge der Studienzeit
Desweiteren ist festzustellen, dass Studierende aus den unterprivilegierten Schichten in der Regel länger für ihren Abschluss brauchen. Der Prozentsatz von Studierenden im modalen Alter – also dem für die jeweiligen Stufe häufigsten Alter – ist besonders bei Studierenden der unteren Klassen gering, dagegen bei den ältesten Jahrgängen, den sogenannten „Langzeitstudenten“, am höchsten (vgl. Tabelle 2.11.).

2.5. Geschlecht als Faktor
Bezüglich des Geschlechtes sind die Bildungschancen für Mädchen und Jungen in bezug auf ihre Klasse entweder entsprechend gleich gut oder gleich schlecht (vgl. Tabelle 1). Es lässt sich über alle Klassen hinweg jedoch eine leichte Benachteiligung der Mädchen feststellen – die Chancen für ein Studium liegt für Mädchen bei 8 %, für Jungen bei 10 % – die sich in den unteren Klassen umso bemerkbarer macht.
Desweiteren schlagen sich in der Fächerwahl die traditionellen Modelle der Arbeits- und Begabungsteilung zwischen den Geschlechtern nieder. So entscheiden sich zwischen 40 bis 50 % der Jungen aller gesellschaftlichen Klassen für einen Studiengang in den Naturwissenschaften, während sich die Mehrheit der Mädchen für einen Studiengang in den Geisteswissenschaften entscheidet, wobei die Werte hier sogar zwischen 44 und 65,6 % liegen (vgl. Graphik 2). Zwar entscheiden sich immerhin ein Drittel der Mädchen klassenübergreifend für ein Studium der Naturwissenschaften, jedoch ist dies in der Regel mit dem Ziel verbunden, später einen Lehrberuf in diesem Fach zu ergreifen. Generell kann man hier also von einer Abdrängung der Studentinnen in Lehrberufe und Studiengänge der Philosophischen Fakultät sprechen.
Hinzu kommt, dass sich die bereits obig festgestellte Einschränkung der Studienfächerwahl für Studierende geringer sozialer Herkunft umso stärker bei den Studentinnen auswirkt. So sind 92,2 % aller Landarbeitertöchter in einem Studiengang der philosophischen oder der naturwissenschaftlichen Fakultät eingeschrieben gegenüber 80,9 % der Jungen aus der gleichen Gruppe. Bei Töchtern von Führungskadern sinkt dieser Wert zwar immerhin auf 74,3 %, liegt aber gegenüber den 58,3 % bei den Jungen immer noch vergleichsweise hoch.

3. Differenzierungsfaktoren
Im folgenden nehmen die Autoren eine Analyse der kulturellen Faktoren vor, die die Ungleichheit der Bildungschancen bewirken. Konkret untersucht wurde dies anhand der philosophischen Fakultät, da sich hier nach Auffassung der Autoren die unterschiedlichen Einflüsse der Herkunft auf die Studierendenschaft am deutlichsten bemerkbar machen.

3.1. Soziale Herkunft
Die soziale Herkunft macht den Autoren zufolge den stärksten Differenzierungsfaktor aus, denn er nimmt Einfluss auf sämtliche Gebiete und Stufen des studentischen Erfahrungsbereiches, vor allem aber auf die Existenzbedingungen. Zu diesen zählen die Autoren vor allem die folgenden:

Wohnverhältnisse: 50 bis 60 % der Studierenden aus der Oberklasse (vor allem Studentinnen) wohnen noch bei ihren Eltern. Bei Arbeitern- und Bauernkinder sind dies zwischen 10 bis 20 %.
Lebensführungsstil
verfügbare finanzielle Mittel, und damit verbunden


Stärke des Abhängigkeitsgefühls
Erwerbsgebundene Wertvorstellungen

Gerade bezüglich der finanziellen Mittel kann nicht von einer einheitlichen Studierendensituation gesprochen werden. Gerade mal 14 % der Kinder aus den unterprivilegierten Klassen werden von der Familie getragen, 36 % von ihnen sind auf eine Nebentätigkeit angewiesen. Kinder aus den Führungskadern und Freiberuflerfamilien werden zu 57 % von zuhause unterstützt und nur 11 % von ihnen muss zusätzlich arbeiten gehen (vgl. Tabelle 3).
Auch in der Benutzung des Bildungswesens wirkt sich die soziale Herkunft als entscheidendster Faktor auf den gesamten Bildungsgang und seine Wendepunkte aus. Sie determiniert auch das Gefühl, nach denen sich der betreffende Studierende in seinem oft von einem bestimmtem Milieu geprägten Studiengang „am richtigen Platz“ oder „fehl am Platze“ empfindet. Die Autoren nennen hier vor allem folgende Faktoren:

– notwendige finanzielle Voraussetzungen für Studium und Beruf
– verfügbare
Vorinformationen über Studien- und Berufsmöglichkeiten
soziales Milieu des jeweiligen Berufes und Studienfaches
Anpassungsfähigkeit an die im Bildungswesen vorherrschenden Vorbilder, Regeln, Wertvorstellungen

Insbesondere bei Fächern, die ein bestimmtes intellektuelles Vorwissen, kulturelle Gewohnheiten oder finanzielle Grundmittel voraussetzen, bewirken obige Faktoren trotz prinzipiell gleicher Befähigung eine ungleiche Erfolgsquote je nach Gesellschaftsklasse.

3.2. Einstellung zum Studium
Auch in der Einstellung zum Studium zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen Studierenden der unterprivilegierten und der bürgerlichen Klasse. Studierende bürgerlicher Herkunft vertreten entschiedener die Begabungsideologie und sind zudem auch weitaus überzeugter von ihrem eigenen Talent als Kinder der unterer Klassen es sind, wenngleich sich dies im Vergleich der Studienleistungen nicht bestätigt. Zudem weisen Studierende bürgerlicher Herkunft einen stärkeren Dilettantismus in ihrem Studienverhalten auf, ihr intellektuelles Engagement scheint von eher willkürlichem Charakter: Sie lehnen die klassischen universitären Arbeitsmethoden tendenziell ab und zeigen eine Präferenz für exotische Themen und Fächerkombinationen (vgl. Tabelle 3). Zusätzlich zeigen sie eine größere Distanziertheit zu ihrem Studienfach, die paradoxerweise von der Universität als positiv angesehen und entsprechend honoriert wird, da diese Distanziertheit die wissenschaftlichen Objektivität fördert.

3.3. Kulturelle Kenntnisse
Bezüglich der kulturellen Kenntnisse wird ebenfalls deutlich (s. Tabelle 4), dass Kinder höherer Klassen hier einen Vorsprung genießen. Insbesondere was die Vertrautheit mit Kunstwerken durch Theater-, Museums- oder Konzertbesuche angeht, auch im Hinblick auf modernere und weniger „schulmäßige“ Werke, sind sie gegenüber den minderprivilegierten Klassen im Vorteil. Allgemein gilt, dass jene sogenannten „freien Interessen“, die in bestimmten Fächern sogar implizite Bedingung für den Studienerfolg darstellen, um so vielfältiger und umfassender vorhanden sind, desto höher die soziale Herkunft des jeweiligen Kindes ist (vgl. Tabelle 4). Hier schlagen sich unmittelbar die kulturellen Klassengewohnheiten und wirtschaftlichen Faktoren nieder, so dass gerade auf dem Gebiet der kulturellen Erfahrungen die Ungleichheit der Bildungschancen mangels eines entsprechend organisierten Unterrichts besonderen stark hervortritt.
Auch in jenen kulturellen Bereichen, die durch die Schule vermittelt werden und wo die Kinder aus oberen und unteren Klassen gleichwertige kulturelle Kenntnisse besitzen (wie z.B. beim klassischen Theater), sind sie jedoch immer durch die Art ihrer kulturellen Erfahrung voneinander getrennt. Für Kinder aus den unteren Klassen bleibt die Schule in dieser Hinsicht der einzige Wissensvermittler, wobei jenes Wissen in Bezug auf den kulturellen Rahmen nur eine Bildung geringeren Wertes darstellt, während für Kinder aus den privilegierten Klassen die durch das Familienmilieu erworbene Einstellung zur Kultur ebenso prägend ist wie die kulturelle Bildung durch die Schule.
Ob jedoch aus dieser standesgemäßen Immersion privilegierter Kinder in die hohe Kultur auch der entsprechende Nutzen gezogen werden kann, hängt jedoch auch unmittelbar mit der Einstellung des jeweiligen Kindes zu diesen kulturellen Gegebenheiten zusammen. Werden sie von den privilegierten Kindern lediglich als oberflächlicher Zeitvertreib der guten Gesellschaft wegen ausgeübt, sind sie für das spätere Studium wenig rentabel. Erst wenn eine intensive rationale Auseinandersetzung mit der gebotenen Kultur stattfindet, können sich die kulturellen Privilegien in vollem Maße begünstigend auf den Studienerfolg auswirken.

3.4. Unterrichtsinhalt
Nach Auffassung der Autoren setzt jede Form von Unterricht, insbesondere in den Bildungsfächern, gewisse implizite Grundkenntnisse, Techniken und Ausdrucksmöglichkeiten voraus, die in der Regel aus den gebildeten Klassen stammen. Die humanistische Schulbildung vermittelt diesbezüglich jedoch nur ein Wissen zweiten Grades, das auf einen Schatz von Erfahrungen erstes Grades aufbaut – wie eben durch Theaterbesuche, freiwillige Lektüre, kulturelle Wallfahrten – und somit das nicht ersetzen kann, was Kindern minderprivilegierten Klassen aufgrund ihrer sozialen Stellung, wie bereits erläutert, nicht ohne weiteres offen steht. Da ihnen folglich die unmittelbaren Vorerfahrungen fehlen, auf die das zu lernende Wissen aufbaut, erscheinen Schülern und Schülerinnen aus unterprivilegierten Klassen die Unterrichtsinhalte weitaus schwerer nachvollziehbar, und der Unterricht wird eher als „dem Lehrer nach dem Munde reden“ empfunden.
Nach Auffassung der Autoren ließe sich dieser Nachteil auch nicht dadurch beheben, dass man allen Klassen die gleichen wirtschaftlichen Mittel bereitstelle. Vielmehr liegt das Problem darin, dass sich Schüler und Schülerinnen aus den unteren Klassen Kenntnisse und Techniken aneignen müssen, die an bestimmte gesellschaftliche Wertvorstellungen der Oberschicht gekoppelt sind und die im Gegensatz zu ihrer eigenen Herkunftsklasse stehen. Schulbildung bedeutet aufgrund ihrer starken Orientierung an die Elitekultur insofern für die Kinder der Unterschicht immer zugleich auch Akkulturation. Was die gebildeten Kinder von zuhause aus mit auf den Weg bekommen -Stil, Geschmack und Lebensart – muss von den Kindern unterer Klassen mühsam erworben werden.

3.5. Aufstiegsbereitschaft
Aufgrund der vorhandenen empirischen Daten und mangelnder Vorbilder erscheint den unteren Klassen der berufliche, und damit verbunden soziale Aufstieg abstrakt und illusionär. Statistisch abgeschreckt, führt dies zu der absurden Situation, dass die Kinder unterer Klassen sich in der Tat gemäß ihren empirisch vermittelten Chancen verhalten. Bis vor kurzem fand auch keine Unterstützung eines vermeintlichen Lerneifers durch die Familie in den minderprivilegierten Klassen statt. In der Regel war es so nur Kindern mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und außergewöhnlichem Familienmilieu aus der Arbeiterschicht möglich, auf die Universität vorzudringen.
Anders dagegen die Einstellung der mittleren Klassen: sie zollen der Elitekultur entsprechenden Respekt und sehen das Bildungswesen als Chance, kulturelles Prestige zu erwerben und gesellschaftlich aufzusteigen. Jedoch zeigt sich hier eine Diskrepanz zwischen kleinbürgerlichem Arbeitsethos und dem Dilettantismus der privilegierten Elite, die den Aufstieg kleinbürgerlicher Kinder wiederum bremst. Das ernsthaftig strebsame kleinbürgerliche Schulkind, das sich durch gewissenhafte und mühselige Arbeit nach oben kämpfen möchte, wird bereits schon von den Lehrern und Lehrerinnen in der Schule und später von den Dozierenden an der Universität nach den von der Elite geprägten Bildungskriterien beurteilt, und erscheint im Vergleich zum kultivierten Sohn oder der kultivierten Tochter aus gutem Hause, die ihr Wissen mit links erworben haben, als stur und spitzfindig.

4. Fazit
Die von den Autoren vorgelegte Analyse macht deutlich, dass die im ersten Abschnitt festgestellte Unterrepräsentation der minderprivilegierten Klassen an französischen Universitäten auf zahlreiche Faktoren zurückgehen, die an die soziale Klasse gebunden sind und sich insbesondere für Kinder minderprivilegierter Klassen als schwer zu überwindende Hürden aufweisen. Verantwortlich dafür ist nach Meinung der Autoren vor allem die Ausrichtung des Bildungssystems an die Elitekultur, die es Kinder bereits schon in der Schule schwer macht, sich in den nicht aus ihrer Klasse stammenden Bildungsinhalten zurechtzufinden, und sie somit bereits schon vorab in ihren Studienchancen einschränkt. Desweiteren sind Studierende minderprivilegierter Klassen, sofern sie es bis zur Universität schaffen, durch einen herkunftsbedingten Bildungsrückstand gekennzeichnet, der sich vor allem auf den Bereich der kulturellen Erfahrung erstreckt. Zudem bedeutet ein Studium für Minderprivilegierte – wie es die Autoren deutlich gemacht haben – immer auch gleichzeitig das Vordringen in eine Lebenskultur, mit der sie qua ihrer Herkunft nicht vertraut sind, die jedoch für Kinder aus privilegierten Klassen eine Selbstverständlichkeit darstellt.
Der Einfluss des kulturellen Erbes und der sozialen Herkunft ist nach Auffassung der Autoren so ausschlaggebend, dass er auch ohne ausdrückliche Diskriminierungsmaßnahmen wirksam ist. Die Autoren warnen deshalb, die durch die soziale Herkunft vorhandene Ungleichheit der Bildungschancen auf wirtschaftliche Ungleichheit oder mangelndem politischen Willen zurückzuführen und durch ein System von Stipendien- und Studienhilfe zu bekämpfen, da so eine Situation geschaffen würde, in der die bestehende Chancenungleichheit umso leichter auf mangelnde Begabung und mangelnden Bildungseifer zurückzuführen wäre.
Auffällig an der Pose der Autoren ist in diesem Zusammenhang, dass sich ihr Blickwinkel hauptsächlich nach oben richtet, also schwerpunktmäßig von der Chancenungleichheit unterer Schichten die Rede ist, jedoch nicht umgekehrt. Die Autoren diskutieren ausgiebig die Frage, warum Arbeiterkinder nur selten in elitäre Klassen vordringen, hinterfragen jedoch nicht, ob es für ein Kind aus Führungskadern nicht ebenfalls herkunftsbedingte Hürden gibt, sich z.B. für den Beruf des Landwirtes zu entscheiden. Daher stellt sich meines Erachtens die Frage, inwieweit diese Berufs- und Ausbildungspräferenzen nicht einfach nur das Abbild einer Fortsetzung von Familientradition sind, wo sich die Kinder freiwillig, weil naheliegend, für einen Beruf aus ihrem unmittelbaren Milieu entscheiden, und inwieweit man dann in den von Autoren behandelten Daten wirklich von einer Chancenungleichheit sprechen kann?
Desweiteren ist zu fragen, ob und inwieweit die Schule und das Ausbildungssystem eine Mitverantwortung an dieser „Chancenungleichheit“ tragen oder ob es nicht vielmehr außer schulische Faktoren sind, die das Desinteresse der unteren Klassen am Studium bedingen und die durch das Bildungssystem nur widergespiegelt und nicht erzeugt werden.