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Die Nacht der Welt – Hegels Lyrik in Poststrukturalismus und Neomarxismus, Teil 1

Georg, nach dem Vater, Wilhelm Friedrich, nach dem Kaiser – Das Kürzel G.W.F. steht für Autorität in der Philosophie. Das wusste schon Marx, als er sich dran machte, aus Hegels Modell für den allgemeinen Fortschritt ein Rezept für die allgemeine Revolution zu zimmern. Doch „Hegel“, das ist heute etwas anderes als vor 150 Jahren.

Das Interesse vieler Autoren an Hegels Philosophie ist in den letzten Jahren wieder gewachsen. Aber auch wenn sich manche dieser Autoren immer noch für die kommunistische Revolution begeistern können, ist man heute weniger an Auseinandersetzung mit Hegels Teleologien interessiert. Heute scheinen es die „dunklen“ Seiten von Hegels Denken zu sein, seine gewagten Randgänge, von denen eine allgemeine Faszination auszugehen scheint. Man sucht heute nach den „wunden Punkten“, nach den „Abgründen“ und nach den Problemen, die „nachgerade Alles“ ändern. Das hat sicherlich historische Gründe: Das Marxsche Projekt ist nunmal gescheitert – und wenn man trotzdem einerseits gerne auf eine Sozialphilosophie bauen möchte, ohne satte 2000 Jahre zurückzugehen, und andererseits nicht erst bei Heidegger anfangen will, ja dann führt eben kein Weg an Hegel vorbei. Nur ein anderer Weg als die bereits ausgetretenen muss es sein, und so kommt man schnell in Hegels dunkle, aber faszinierende Gassen.

Eine davon ist sein Gedicht von der „Nacht der Welt“. Diese Stelle war in letzter Zeit Gegenstand zweier inspirierender und sehr kundiger Interpretationen: Einmal durch Giorgio Agamben, der in seinem 2007 auf deutsch erschienenen Seminar „Die Sprache und der Tod“ nach dem Ursprung und der Möglichkeit der Negation fragt. Agamben klopft die Dialektik Hegels ab und sucht, ganz im Zeichen des Poststrukturalismus, nach den sprachlichen und grammatikalischen Vorbedingungen, die der Negation als Denkprinzip zu Grunde liegen und zeigt, welche politischen und kulturellen Prerequisiten immer schon in dieses Denken eingeschrieben sein müssen – und das natürlich nicht ohne dabei auch möglichen Alternativen dazu nachzuspüren.  Zweitens durch Slavoj Žižek, der 2010 seine Abhandlung über „Die Tücke des Subjekts“ auf der Suche nach einem neuen politischen Subjekt das cartesianische Cogito als den Prügelknaben der gesamten politischen Philosophie entdeckt. Er wird Kants und Hegels dunkle Seiten ganz im Sinne der neueren Demokratie-Theorien, die im Umfeld der linguistischen Modelle der Post- und Neomarxisten entstanden sind, interpretieren. Wir werden sehen, welche Unterschiede, aber vor allem auch welche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Interpretationen bestehen, wie nahe sie beieinander liegen, wie wichtig dabei der Idealismus trotzdem noch bleibt – und dass hier einige mächtige Instrumente zu Tage gefördert werden, um alles, was seit Zeiten Politik und Gesellschaft heißt, in einer Weise radikal neu zu Denken, die weit über die so unerträglich kurz greifenden zeitgenössischen populärrevolutionären Strömungen hinaus geht.

Nun aber zunächst, zum Schluss dieser knappen Einleitung, die Vorlage Hegels selbst – Die Versform wurde nachträglich und zur besseren Lesbarkeit hinzugefügt, und steht damit ausdrücklich zur Debatte. Das Original steht im Fließtext:

Der Mensch ist diese Nacht,
diß leere Nichts, das alles in ihrer Einfachheit enthält –
ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen,
Bilder, deren keines ihm gerade einfällt -,
oder die nicht als gegenwärtige sind.

Diß die Nacht, das Innre der Natur,
das hier existirt – reines Selbst, –
In phantasmagorischen Vorstellungen ist es rings um Nacht,
hier schießt dann ein blutiger Kopf, – dort eine andere weiße Gestalt plötzlich hervor,
und verschwindet ebenso.

Diese Nacht erblickt man wenn man dem Menschen ins Auge blickt –
in eine Nacht hinein, die furchtbar wird, –
es hängt die Nacht der Welt hier einem entgegen.

Nächste Teile:

2 Giorgo Agamben – Warum ist Metaphysik immer schon Dekonstruktion?
3 Slavoj Žižek – Wozu brauchen wir ein politisches Subjekt?
4 Jenseits – Democracia real ya ist nicht genug.
… …


Gegenaufklärung?


Die Antifa-Gruppe der Berliner Humboldt-Universität (HUmmel-Antifa) ist bekannt für ihre starke Kritik am Postmodernismus. Auf ihrer Website finden sich regelmäßig Beiträge und Veranstaltungen, die sich mit der Verbindung von Poststrukturalismus und deutscher Ideologie befassen. Seit Mai findet sich dort ein Hinweis auf den im Frühjahr 2011 von Alex Gruber und Philip Lenhardt vorgelegten Band Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft vor.

Gesammelt sind darin Aufsätze, die die Verbindungen von Nationalsozialismus, deutscher Ideologie und anti-aufklärerischem Denken einerseits und poststukturalistischer Philosophie andererseits zeigen wollen. Ins Visier genommen werden von den Autoren dabei u.a. Werke von Giorgo Agamben, Jean Amery, Alain Badiou, Georges Bataille, Michel Foucault, Jaques Lacan, Sayyid Qutb und allen vorran Martin Heidegger, dem die Position des entscheidenden Bindeglieds zwischen der Philosophie des dritten Reiches und der Postmoderne zugesprochen wird.

Egal, ob man die Vorwürfe intuitiv für richtig oder abwegig hält, wird man, nachdem die Arbeiten so vorliegen, nicht umhinkommen, sie ernst zu nehmen und zu prüfen. Selbst wenn auch nur ein Körnchen Wahrheit in ihnen liegen sollte, ist es Grund genug, sich intensiv mit ihrer Kritik des Poststrukturalismus auseinanderzusetzen – nicht nur, weil dieses Denken weitreichende Konsequenzen für die akademische politische Philosophie haben, sondern auch, weil sie ganz konkrete praktische Fragen der Tagespolitik (z.B. der Islamismusdebatte oder des Nahost-Konflikts) aufs innerste betreffen.

Ganz besonders muss sich darum bemüht werden, einen gemäßigten Umgangsmodus zu wahren. Die Lager dürften sich zunehmend verhärten – was in Ordnung wäre, schließlich steht einiges auf dem Spiel – aber sie müssen unbedingt im Austausch bleiben. Gegenseitige Vorwürfe, wer den meisten Totalitarismus predigt, können nicht die Lösung der Debatte darstellen.