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Soziologie ist ein Kampfsport

Die kritische Soziologie hat alles gewonnen – und doch verloren, weil sie nur gegen sich selbst kämpft.

Haben soziale Ungleichheiten einen Nutzen? Für den Soziologen Pierre Bourdieu ist diese Frage falsch gestellt. Es ist eine metaphysische, politische Frage. Als Wissenschaftler interessiert sich Bourdieu deshalb nicht für den Nutzen, sondern für die Funktion sozialer Ungleichheit für die Gesellschaft. Denn über den Nutzen oder Schaden kann man sich tatsächlich trefflich politisch streiten, sich dabei auf die eine oder andere Seite schlagen und je nach Überzeugung ein Mehr oder Weniger an sozialer Ungleichheit als nützlicher für die Gesellschaft vertreten. Doch solche politischen Argumentationen kommen nie ohne eine Zieldimension aus: Gut, nützlich, gerecht, verträglich, nachhaltig und produktiv soll die Gesellschaft sein. Was dann aber wirklich das gerechteste oder nachhaltigste ist, bleibt dabei offen. Ob es nun um die Atomkraft, das Bedingungslose Grundeinkommen oder die Gesamtschule geht – über die Zieldimensionen Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit respektive gute Bildung sind sich alle einig. Und die Politik debattiert nur noch über den besten Weg dort hin. Das problematische daran ist: Jedesmal, wenn einer der Diskurse auf diese Weise politisch verhandelt wird, werden dabei die ebenfalls ungeklärten Zieldimensionen der anderer Debatten einfach als festgesetzt und als unumstößlich akzeptiert. So erstellt sich Politik ihren Gegenstand – und verhindert möglicherweise eine Bearbeitung des Problems, indem sie die Meinungen und Energie der Menschen in geregelte Bahnen lenkt und absorbiert, wobei die Verhältnisse objektiv im wesentlichen konstant bestehen bleiben.

Deswegen will es sich weder der politische, noch der wissenschaftliche Bourdieu auf die Frage nach dem Nutzen von sozialer Ungleichheit so undifferenziert einlassen. Seine Kritik geht anders. Er geht ins Detail der Verhältnisse und fragt danach, wie sie sich stabilisieren. Darin steckte zu seiner Zeit noch erhebliches Potential. Die Entdeckung, dass Bildung und Kultur, Stil und Benehmen tatsächlich nach den selben Regeln wie finanzielles Kapital funktionieren bzw. beschreibbar sind, oder die Beobachtung, dass das Bildungssystem tatsächlich im Endeffekt weniger die Leute bildet als eine soziale Ordnung reproduziert, war damals sicher eine unerhört kritische Behauptung. Die bourdieusche Kritik kam dadurch auch ohne eindeutige normativ-metaphysische Stellungnahme aus. Heute allerdings lassen sich die Menschen von solchen Aussagen schon lange nicht mehr schockieren. Zum Beispiel ist es schon lange kein Geheimnis mehr, dass die deutschen Hartz4 – Regelungen in erster Linie dazu da sind, die Leute wieder zur Arbeit zu zwingen und eigentlich nicht wirklich als Ausgleich für Zeiten schwieriger Arbeitsmarktsitationen – Dass es also um Erhalt des (Arbeits-)Marktes geht, und nicht um den Erhalt der Menschen. Schockiert ist davon aber niemand mehr, im Gegenteil. Ähnliches zeigt sich in der Bildungspolitik: Es wird ganz offen zugegeben, dass z.b. in der Hochschulpolitik oder auch bei der Entscheidung zum 8-jährigen Gymnasium nicht im geringsten um die Interessen der Studenten oder Schüler geht, sondern um das Interesse der freien Wirtschaft und der Wertbewerbsfähigkeit des Standortes. Und auch hier scheint das die meisten Menschen nicht wirklich zu stören, ganz im Gegenteil. Die kapitalismuskritische Soziologie scheint hier vor dem Problem zu stehen, dass tatsächlich bereits alles Wesentliche gesagt wurde und die Menschen sich davon trotzdem nicht bewegen lassen. Nicht die kritische Soziologie hat ihre harten Bandagen abgelegt – vielmehr scheint sich die Öffentlichkeit an die harten Schläge gewöhnt zu haben, bzw. von außen daran gewöhnt worden zu sein.

Wenn es einem also um die Wiederbelebung eines kritischen Kapitalbegriffs um der Kritik Willen geht, sollte drüber nachgedacht werden, in welche Richtung man mit diesem Kapitalbegriff gehen will. Ist es dann zweckmäßig, die Kapitallogik bis in die kleinsten Randbereiche der Gesellschaft nachzuweisen? Macht es Sinn, den kapitalistischen Kern von kostenpflichtigen Uni-Kindertagesstätten zu erörtern, während British Petroleum aus Gründen der Profitmaximierung pro Tag 2,6 Millionen (!) Gallonen (!) Rohöl (!) in den Golf von Mexico ergießt? Bevor man also fragt, ob man die heutige Realität noch mit der Kapital-Semantik beschreiben kann (man kann) sollte man eher fragen, wie man dieser Semantik wieder Durchschlagskraft und praktische Anschlussfähigkeit an das alltägliche Leben der Menschen erreicht. Bourdieu selbst stößt noch zu Lebzeiten auf genau dieses Problem: Als er in die französischen Banlieus zu Vorträgen und Podiumsdiskussionen erscheint wird er damit konfrontiert, dass die Betroffenen seine Theorie sehr schön und gut finden, ihnen die Probleme aber schon lange vorher klar waren. Sie suchen nicht nach der exakten Austheoretisierung ihrer Probleme, sondern sie suchen nach Möglichkeiten, ihre Probleme auch den nicht – oder besser: weniger – Betroffenen zu vermitteln – oder sich zumindest selbst zu helfen. Eine Wiederbelebung der Semantik des Kapitals müsste deswegen nicht im universitären Elfenbeinturm erfolgen – denn dort ist sie nicht tot. Sie muss wieder in den Alltag, in die Öffentlichkeit, in die Parlamente und: auf die Straße. Wenn Soziologie ein Kampfsport ist dann muss sie ihr Schattenboxen beenden und wieder lernen, gegen anderes zu kämpfen als ihre eigenen Spielarten.


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