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Frei schwebende Ordnungen – Armin Nassehi und der bürgerliche Feuilleton

Wie jeder Universitätsprofessor der Geisteswissenschaft, der etwas auf sich hält, so muss auch Prof. Dr. Armin Nassehi vom Institut für Soziologie München hin und wieder ein mal „ran“, also hinein in die Öffentlichkeit, sich der Gesellschaft stellen und ihr den soziologischen Spiegel vorhalten. Doch die soziologische Kritik dieser Spielart erweist sich oft eher als Hohlspiegel – und ist auch noch stolz darauf.

Nassehis Beiträge zu öffentlichen Debatten folgen einer bestimmten Taktik, die darin besteht, die tagespolitischen Debatten mit einer bestimmten ausgefeilten soziologischen Methode zu zerlegen – und das dann schon als Gesellschaftskritik zu verkaufen.

Diese Taktik bewährt sich ganz besonders im Feuilleton, in dem mit einer Übersetzung der Tagespolitik in soziologische Theorierahmen, die für das hobby-kritische bürgerliche Publikum auf den ersten Blick exotisch wirken muss, leicht der Eindruck erweckt wird, es handele dabei sich schon um ganz besonders kritische Ansätze, während eigentlich nur eine Methode vorgeführt wird. Wie das funktioniert, und warum es mit solcher Vorsicht zu genießen ist, zeigt man am besten an einem Beispiel.

In der Ausgabe 49/2000 der ZEIT erschien ein Beitrag Nassehis zu der damals virulenten Debatte über die „Minarette in Oberbayern“. Nassehi kritisiert darin den Modus der Debatte, in der sowohl die Befürworter einer rein zu haltenden deutschen Kultur, als auch deren Gegner, die eine deutsche Tradition der Toleranz predigen, ein und derselben Illusion, nämlich der Existenz einer wie auch immer gearteten spezifisch deutschen Leitkultur, aufsitzen.

Nassehi versucht – zurecht – die ganze Debatte und ihre Grundunterscheidungen gar nicht gelten zu lassen. Er erinnert daran, dass sich allein schon am plötzlichen Ruf und Bezugnahme nach der – einen oder anderen – Leitkultur ablesen lässt, dass a) Integration schon immer stattgefunden hat (auch ohne besonderes Zutun der Politik) und b) JEDER Leitkulturbegriff im demokratischen Europa sich sowieso selbst immer schon im Kern ad absurdum führt – einfach weil eine keine typisch deutsche Kultur, sei es die der deutschen Werte oder die der deutschen Toleranz, jemals empirische Realität war.

Nassehi sieht sich die Debatte statt dessen als Phänomen einer Gesellschaft an, in der sich ein eigenständiges politisches System ausdifferenziert hat, das nun zwanghaft nach Aufgaben sucht, und zwar nach solchen Aufgaben, die sich auch lösen lassen. Und weil eine Aufgabe immer dann am einfachsten ist, wenn man die Lösung schon kennt, erschafft sich die Politik einfach ihre Probleme selbst, und erfindet z.B. eine Leitkulturdebatte (übrigens ganz ähnlich wie die Art, in der sich die Soziologie eine Debatte über ihre eigene Daseinsberechtigung schafft). Nassehi fasst zusammen: „Die Diskutanten spielen nur nach, was ihnen die Logiken der Politik und der Medien verordnen. Politik stilisiert sich als Problemlöser, und erfindet Probleme, die sie glaubt lösen zu können.“

Verstanden? Genial einfach und sehr kritisch, nicht wahr? Nein, genau hier müssen wir einen Moment halt machen. Denn dies ist bisher nur, und ich betone nur, eine Methode, und noch keine Analyse der Gesellschaft. Anschließend daran muss nun gefragt werden: Ja warum denn dann eigentlich? Warum tut die Politik dies? Warum bildet sich die Gesellschaft überhaupt dieses System aus? Und wo liegen die Gründe dafür, dass man als Aktant des politischen Systems gerade bei einem so heiklen Thema wie Leitkultur und Rassismus so einfach, leicht und unproblematisch sein politisches Spektakel inszenieren kann? Gibt es dabei vielleicht sogar einen „Nutznießer“? Wenn ja, wen, oder was? Erst mit diesem zweiten „Dreh“ wird das ganze interessant.

Auf das Paradigma der „Beobachtungen zweiter Ordnung“, das hier von Nassehi zu Anwendung kommt, darf die Soziologie zu recht stolz sein. Doch nach diesem Schritt darf nie einfach stehen geblieben werden, wenn sich soziologische Kritik nicht im Regress verlieren will. Denn auch die Beobachtung zweiter Ordnung stellt dann, als Essenz, nicht die letzte ontologische Schwelle dar, die man nicht mehr überschreiten kann. Die zweite Ordnung darf nicht einfach zur letzten, frei schwebenden Ordnung werden.

Es wird hier keine neue Synthese hin zu neuen „echten“ oder „richtigen“ Kategorien gefordert. Aber es muss klar werden, dass der einfache Verweis auf eine differenzierten Gesellschaft, deren Systeme nunmal selbstreferentiell und nur selbstreferentiell sind, nicht ausreicht. Im Gegenteil fängt die Gesellschaftskritik hier gerade erst an. Und auch das manchmal zu vernehmende Argument, die Soziologie könne ja überhaupt nur für die Methoden sorgen, und die eigentliche Kritik müsste dann schon von der Gesellschaft selbst kommen, kann man hier nicht gelten lassen. Abgesehen davon, dass es den systemtheoretischen Prämissen selbst widersprechen würde, würde die Soziologie damit in Apologie abrutschen. Hier beginnt also der Scheideweg zischen kritischer und affirmativer systemtheoretischer Soziologie. Es gilt, den richtigen Mittelweg zu finden – in der Theorie, einerseits, aber eben auch und gerade in der Öffentlichkeit.