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Frei schwebende Ordnungen – Armin Nassehi und der bürgerliche Feuilleton

Wie jeder Universitätsprofessor der Geisteswissenschaft, der etwas auf sich hält, so muss auch Prof. Dr. Armin Nassehi vom Institut für Soziologie München hin und wieder ein mal „ran“, also hinein in die Öffentlichkeit, sich der Gesellschaft stellen und ihr den soziologischen Spiegel vorhalten. Doch die soziologische Kritik dieser Spielart erweist sich oft eher als Hohlspiegel – und ist auch noch stolz darauf.

Nassehis Beiträge zu öffentlichen Debatten folgen einer bestimmten Taktik, die darin besteht, die tagespolitischen Debatten mit einer bestimmten ausgefeilten soziologischen Methode zu zerlegen – und das dann schon als Gesellschaftskritik zu verkaufen.

Diese Taktik bewährt sich ganz besonders im Feuilleton, in dem mit einer Übersetzung der Tagespolitik in soziologische Theorierahmen, die für das hobby-kritische bürgerliche Publikum auf den ersten Blick exotisch wirken muss, leicht der Eindruck erweckt wird, es handele dabei sich schon um ganz besonders kritische Ansätze, während eigentlich nur eine Methode vorgeführt wird. Wie das funktioniert, und warum es mit solcher Vorsicht zu genießen ist, zeigt man am besten an einem Beispiel.

In der Ausgabe 49/2000 der ZEIT erschien ein Beitrag Nassehis zu der damals virulenten Debatte über die „Minarette in Oberbayern“. Nassehi kritisiert darin den Modus der Debatte, in der sowohl die Befürworter einer rein zu haltenden deutschen Kultur, als auch deren Gegner, die eine deutsche Tradition der Toleranz predigen, ein und derselben Illusion, nämlich der Existenz einer wie auch immer gearteten spezifisch deutschen Leitkultur, aufsitzen.

Nassehi versucht – zurecht – die ganze Debatte und ihre Grundunterscheidungen gar nicht gelten zu lassen. Er erinnert daran, dass sich allein schon am plötzlichen Ruf und Bezugnahme nach der – einen oder anderen – Leitkultur ablesen lässt, dass a) Integration schon immer stattgefunden hat (auch ohne besonderes Zutun der Politik) und b) JEDER Leitkulturbegriff im demokratischen Europa sich sowieso selbst immer schon im Kern ad absurdum führt – einfach weil eine keine typisch deutsche Kultur, sei es die der deutschen Werte oder die der deutschen Toleranz, jemals empirische Realität war.

Nassehi sieht sich die Debatte statt dessen als Phänomen einer Gesellschaft an, in der sich ein eigenständiges politisches System ausdifferenziert hat, das nun zwanghaft nach Aufgaben sucht, und zwar nach solchen Aufgaben, die sich auch lösen lassen. Und weil eine Aufgabe immer dann am einfachsten ist, wenn man die Lösung schon kennt, erschafft sich die Politik einfach ihre Probleme selbst, und erfindet z.B. eine Leitkulturdebatte (übrigens ganz ähnlich wie die Art, in der sich die Soziologie eine Debatte über ihre eigene Daseinsberechtigung schafft). Nassehi fasst zusammen: „Die Diskutanten spielen nur nach, was ihnen die Logiken der Politik und der Medien verordnen. Politik stilisiert sich als Problemlöser, und erfindet Probleme, die sie glaubt lösen zu können.“

Verstanden? Genial einfach und sehr kritisch, nicht wahr? Nein, genau hier müssen wir einen Moment halt machen. Denn dies ist bisher nur, und ich betone nur, eine Methode, und noch keine Analyse der Gesellschaft. Anschließend daran muss nun gefragt werden: Ja warum denn dann eigentlich? Warum tut die Politik dies? Warum bildet sich die Gesellschaft überhaupt dieses System aus? Und wo liegen die Gründe dafür, dass man als Aktant des politischen Systems gerade bei einem so heiklen Thema wie Leitkultur und Rassismus so einfach, leicht und unproblematisch sein politisches Spektakel inszenieren kann? Gibt es dabei vielleicht sogar einen „Nutznießer“? Wenn ja, wen, oder was? Erst mit diesem zweiten „Dreh“ wird das ganze interessant.

Auf das Paradigma der „Beobachtungen zweiter Ordnung“, das hier von Nassehi zu Anwendung kommt, darf die Soziologie zu recht stolz sein. Doch nach diesem Schritt darf nie einfach stehen geblieben werden, wenn sich soziologische Kritik nicht im Regress verlieren will. Denn auch die Beobachtung zweiter Ordnung stellt dann, als Essenz, nicht die letzte ontologische Schwelle dar, die man nicht mehr überschreiten kann. Die zweite Ordnung darf nicht einfach zur letzten, frei schwebenden Ordnung werden.

Es wird hier keine neue Synthese hin zu neuen „echten“ oder „richtigen“ Kategorien gefordert. Aber es muss klar werden, dass der einfache Verweis auf eine differenzierten Gesellschaft, deren Systeme nunmal selbstreferentiell und nur selbstreferentiell sind, nicht ausreicht. Im Gegenteil fängt die Gesellschaftskritik hier gerade erst an. Und auch das manchmal zu vernehmende Argument, die Soziologie könne ja überhaupt nur für die Methoden sorgen, und die eigentliche Kritik müsste dann schon von der Gesellschaft selbst kommen, kann man hier nicht gelten lassen. Abgesehen davon, dass es den systemtheoretischen Prämissen selbst widersprechen würde, würde die Soziologie damit in Apologie abrutschen. Hier beginnt also der Scheideweg zischen kritischer und affirmativer systemtheoretischer Soziologie. Es gilt, den richtigen Mittelweg zu finden – in der Theorie, einerseits, aber eben auch und gerade in der Öffentlichkeit.


Munich Student Council Dawns; Marat Not Dead.

Die Studentische Vollversammlung München steckt die Fronten für eine neue inneruniversitäre politische Diskussionsreihe ab.
Drei Referate zur Lage – So hatte die Studierendenvertretung das Programm der heutigen Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München geplant. Erschienen sind zur Sitzung von den etwa 45.000 Studenten immerhin ca. etwas mehr als 1000, darunter viele der „üblichen Verdächtigen“ und bekannte Gesichter von den Aktionen  des Sommers und des letzten Winters, aber auch einige interessierte Erstsemester.
Drei konkret inhaltliche Diskussionen sollen sich jeweils an die Referate anschließen. Doch die Diskussion wendet sich schnell den großen, abstrakten Fragen zu, die den Kontext der aktuellen bildungspolitischen Probleme betreffen. Das lag zum Teil an den wirklich unangenehmen Nachrichten, welche die vier Referenten für die versammelte Mannschaft in petto hatten.
Den Anfang machte Eva Blomberg, die Geschäftsführerin der StuVe. Sie berichtete über die aktuelle Haushaltslage der LMU, die teils wirklich grotesken Betreuungsverhältnisse und die Kürzungen, von denen bis zur offiziellen Verlautbarung am 21.12.10 noch niemand die genaue Höhe zu sagen vermag. Zwischen 30-50 Millionen € sind als Größenordnung der Kürzungen zu erwarten. Fest steht bisher aber nur, dass aus den bereits fertig geplanten Haushalten der bayerischen Universitäten als Sofort-Sparmaßnahme 13 Mio abgezogen werden. Nach Schätzungen der StuVe könnte die LMU durch alle Einsparungen insgesamt mit bis zu 15 Millionen € betroffen sein. Dazu kommen der doppelte Abiturjahrgang und die Wehrpflichtaussetzung, die bereits jetzt sehr schlechte finanzielle Situation u.v.m. Gute Nachrichten sehen anders aus.
Die anschließende Diskussion beginnt mit Nachfragen an die StuVe: Wie sieht die Unileitung das Ganze? – Sie sieht es kritisch und steht auf der Seite der Studierenden, das ist weder überraschend noch etwas neues. Schließlich geht es grade auch um ihr Geld. Was tut die StuVe konkret? Doch schnell schweift die Diskussion ab: Was kann man denn überhaupt noch tun? Es scheint ja fast so, als ob keine Einzige aller bisherigen Aktionen – ob es Briefe, Proteste oder Besetzungen waren – auch nur die geringste Wirkung gehabt hätte. Weder wurde das Minimalziel der verfassten Studierendenschaft erreicht, noch die Studiengebühren abgeschafft, noch die Betreuungssituationen verbessert noch die Bologna-Reformen in Frage gestellt. Was kann man also noch tun?
Zuerst werden von den Diskutanten die traditionellen Methoden beworben: Also mehr Demonstrieren, mehr Versammlungen, mehr Politisierung der Studentenschaft – Höher, schneller, tiefer quasi: „Wenn wir wirklich laut sind haben die da oben keine Chance gegen uns.“ Andere weisen eher darauf hin, dass man den Protest auf eine andere Ebene holen muss: „Landtag belagern“ scheint hier zunächst das Stichwort zu sein. Und ein klein wenig  Affinität für den französischen und englischen Modus Insurrectione schimmert dabei durch; man fühlt sich an den maratschen Geist erinnert, dem Volksfreund, der zum Wohle der Allgemeinheit auch zu unkonventionellen Methoden greifen möchte . Doch der Eindruck verfliegt schnell wieder. Anschließend wird noch über die Ausweitung des Protests durch das knüpfen von Anschlüssen an andere soziale Bewegungen gesprochen – konkret mit den Gewerkschaften des öffentlichen Dienst, die demnächst auch wieder vor einer Verhandlungsrunde stehen werden. Ein wenig Begeisterung ist dafür zwar da, aber gegen ein derartiges Farbe bekennen sträubt sich offenbar einiges in den Köpfen der Studenten. Bildungsdemos haben eben den Vorteil, dass sie gegenüber anderern Bewegungen so unverbindlich und indifferent bleiben können. Die Erfahrung, dass solche Exklusivveranstaltungen zwar unabhängig, aber dafür auch so gut wie wirkungslos geblieben sind, sitzt vielen der Aktiven offenbar als lupenreines Gefangenendilemma im Nacken. Die Frage bleibt deshalb auch ohne Antwort. „Was tun? – Keine Ahnung.“
Den dramatischen Höhepunkt des Abends setzte im Anschluss daran Malte Pennekamp, Sprecher der LandesAstenKonferenz (LAK). mit seinem Bericht über die aktuelle Novellierung des bayerischen Hochschulgesetztes, die den meisten Anwesenden noch völlig unbekannt war. Informiert und als der gute Redner, der er ist, erklärte er anschaulich die problematischen Aspekte des neuen Gesetzes. Und die sind bei weitem nicht von Pappe. Mit der Einführung von sogenannten berufsbegleitenden Studiengängen könnte es für zukünftige Studentengenerationen noch richtig dicke kommen: Faktisch keine Obergrenzen mehr für Studiengebühren, der Privatisierung wird Tür und Tor geöffnet. Und die viel diskutierte „Ökonomisierung“ der Uni, also der Ausrichtung des Studiums auf die Bedürfnisse der „freien Wirtschaft“, wird wohl in Zukunft nicht mehr aus den kleinen Details der Studienordnungen und Finanzpläne mühsam herausgearbeitet werden, sondern dürfte wohl zum offen sicht- und spürbaren neuen Mainstream der Hochschulpolitik werden.
Nicht wenige der Versammelten starten angesichts dieser Aussichten ziemlich baff in die Diskussionsrunde. „Was tun?“ – das scheint angesichts dieses Ausmaßes gar keine vernünftige Kategorie mehr zu sein. Man kann fast beobachten, wie sich in manchen Köpfen die Tragweite der eben gehörten Ausführungen einarbeitet: Hier kann es nicht mehr nur um  die Unis an sich gehen. Angesichts solcher Pläne wird überdeutlich, dass die gesamtgesellschaftliche Dimension der Bildungsproteste, um deren Anerkennung sich von Teilen der Bewegung kontinuierlich bemüht wurde und deren Bedeutung von anderen Teilen der Bewegung kontinuierlich klein geredet wurde, nicht mehr länger geleugnet werden kann. An den neuen Plänen des Landtags sieht man es nun endlich deutlich und ohne großen Spielraum für Interpretationen: Ja, es gibt eine Privatisierung! Ja, wir richten die Universitäten sogar definitiv und mit Emphase auf die Anforderungen der Firmen aus! Und ja, wir pfeifen drauf, was die Studenten dazu zu sagen haben!
Damit wird – endlich – ein Schritt in die Richtung gemacht, und wieder darüber geredet, was denn eigentlich erreicht werden soll, statt nur über die Methoden zu reden. Demos, Besetzung, Lobbyarbeit? Wohin will man denn damit? Was bringt es noch, jetzt um die „richtige“ Verwendung von Studiengebühren zu debattieren, wenn demnächst die totale Privatisierung ins Haus steht?
Das letzte Referat über die unzufriedenstellende Verwendung der bereits erhobenen Studiengebühren konnte im Anschluß daran nicht mehr wirklich schocken. An die moralische Klausel, dass die Studiengebühren tatsächlich zu einer Verbesserung der Lehre und nicht nur zum stopfen von Haushaltslöchern verwendet wurden hat doch ehrlich gesagt sowieso niemand geglaubt. Die Diskussion hat dann auch sichtlich an Elan verloren und wurde pünktlich aufgelöst, nachdem die Reihen sich schon vermehrt geleert hatten.
Was bleibt? Die Seniorstudenten, welche die an die Vollversammlung anschließende Ringvorlesung besuchen, stoßen sich vor allem an zurückgebliebenem Müll. Eine ältere Dame bringt das, was sie sieht, auf den Punkt: „Die jungen Leute, die denken einfach nicht.“ Damit könnte sie mehr Recht gehabt haben, als ihr lieb sein kann. Denn was viele der Studenten der Vollversammlung von ihrem Standpunkt aus nicht sehen können ist die zweischneidige Rolle, die ihre Aktivität in der Bewegung mit sich bringt: Einerseits bringen sie sich durch ihr Engagement und ihr Auflehnen tatsächlich irgendwie für „die richtige Sache“ ein – das ist nicht zu leugnen. Doch andererseits gerät ihre Subversion dabei zu einer Triebfeder genau des Kapitalisierungsprozesses, gegen den sie eigentlich ankämpfen: Durch einen Protest, der sich entweder unter der Hand oder auch explizit als nur partikulare Interessenvertretung der Studenten versteht, wird effektiv das Widerstandspotential  in kontrollierbare (= politisch ignorierbare) Bahnen kanalisiert und letztlich absorbiert. Die Studierendenschaft wird effektiv gespalten in ein konkretes und ein abstrakt argumentierendes Lager. Das wiederrum verhindert effektiv eine enge Zusammenarbeit mit anderen sozialen Bewegungen. Und die Illusion von politischer Teilnahme am Bildungspolitischen Prozess verhindert ein distanciert-kritisches Bewusstsein der Aktiven. Illusion von politischer teilnahme? Ja: Die politische Aktivität der Bildungsproteste beschränkt sich auf die legitimen Partizipationsformen der repräsentativen Demokratie: Parteienarbeit, Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit – Das sind zweifellos gute politische Tugenden, aber auch die stumpfesten. Zusätzlich findet all dies im institutionellen Rahmen der Studeierendenvertretung statt. Das festigt die strukturelle Hemmung: Wenn man nämlich vor bildungspolitischen Problemen steht, die man eindeutig als Teilaspekt  allgemeinpolitischer Probleme identifiziert, aber kein allgemeinpolitisches Mandat tragen darf, können die Probleme nicht and der Wurzel angegangen werden. Und noch mehr: Gerade durch das Engagement in diesem Rahmen (inklusive dem Abwürgen aller anderweitiger Tendenzen als Sektierertum und Spalterei) reproduziert man genau den repräsentativdemokratischen politischen Normalbetrieb, der selbst Teil der Problemursache ist!
Also was bleibt? Dasselbe wie immer: Ein politischer Diskurs, der sich im wesentlichen dadurch am Leben hält, dass er einfach immer weiter geht. Das muss prinzipiell noch nichts Gutes oder Schlechtes sein. Man sollte aber nie aus den Augen verlieren, dass hier nicht der Raum für die großen politischen Würfe sein wird – nicht sein kann. Der nächste Schritt ist dann, sich darüber klar zu werden, was man dagegen tun kann.

Kritische Stichpunkte zur Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München

Kritische Stichpunkte zur Vollversammlung der Studierendenschaft der LMU München

I.Übersicht: Die Punkte der StuVe:

Chronische Unterfinanzierung, ————————————————–\
Studiengebühren (auch neue und höhere) ———————————–\
drohende Kürzungen, ————————————————————-1.1
überfüllte Vorlesungen und Seminare, ——————————————–\
zu wenige Masterplätze —————————————————————- 1.2
mangelnde Vorbereitung auf den doppelten Abiturjahrgang, ————— 2
kein Semesterticket, ———————————————————————3
unzureichende studentische Mitbestimmung. ———————————– 4
II.Weitere Punkte
Betrifft: Verständnis von Solidarität ———————————————- 5
Zum methodischen Bewusstsein (zum revolutionären Bewusstsein) — 6

I. Zu den Punkten 1.1/1.2 der StuVe.

a) Unis kosten Geld. Das Geld muss von der Gesellschaft als ganzes irgendwie an die Unis gebracht werden. Wenn Geld verteilt wird, wird automatisch auch immer in die eine oder andere Richtung UMverteilt, da kommt man gar nicht dran vorbei. Wenn man aber nur pauschal mehr Geld (oder eben keine Kürzungen) fordert, verkennt und verdeckt man den Umverteilungsaspekt und reproduziert nur den semantischen gleiche-Belastung-für-Alle Trick der Politik.

Genau das passierte ja auch bei den Studiengebühren: Für Leute, die es sich leisten können, spricht ja egtl nichts dagegen, mit Gebühren zur notwendigen Finanzierung der Unis beizutragen. Das Problem ist die strukturelle Benachteiligung derer, bei denen die Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen, sowieso schon niedriger liegt.

Deswegen sind auch Kritiken berechtigt, die das Aufbegehren der Studenten als Jammern auf hohem Niveau n – denn die Studenten sind ein privilegierter Teil der Gesellschaft, wenn auch vllt. nicht der privilegierteste von allen.

Zitat eines Gegners der Vollversammlung:

„Kann ich dann auch kommen und euch allen sagen, dass ihr alle an dem Geld der Arbeiter parasitiert, wo sie Euch 11000 Euro jährlich ausgeben müssen und ihr nicht mal 10% davon zahlen wollt? Die Studiengebühren werden sich auch in der Zukunft vergrößern, bis es wie in USA oder Großbritanien wird. Man kann keine finanzielle Probleme mit Mehrheitbeschlüssen lösen. Diese Versammlung ist genau so sinnlos wie das Wort Kuh in einem Satz mit dem Wort Jupiter. „Das werden wir nicht zulassen!“ hahahaha, wo kommt der Satz her? Ihr habt keine Macht in der Lösung Euer Probleme. Ihr sitzt immer noch auf dem Gelde der Mutti und der Arbeiter. Also ab nach Hause und lernen, lernen, und noch mal lernen, anstatt die Zeit zu verschwenden.“

Richtige Analyse – falsche Schlußfolgerung: Die zitierte Person argumentiert hier, dass die Studierenden gegenüber den Arbeitern privilegiert sind, und dass diesem Unterschied durch hohe Studiengebühren Rechnung getragen werden soll. Die Perspektive sollte aber nicht sein, den Graben zu verfestigen, indem man durch Studiengebühren „die Studierenden“ noch stärker von „den Arbeitern“ trennt, sondern den Unterschied aufzuheben.

Deswegen denke ich, dass die Kategorien „mehr Geld“ (oder „nicht-weniger-Geld“) nicht die richtigen Bahnen für den Protest sind. Stattdessen sollte offen über ein Finanzierungskonzept von Unis geredet werden dürfen, im Rahmen von sozialer Gerechtigkeit, soweit man an soziale Gerechtigkeit in diesem System eben glaubt.

b)Es gibt andere, wichtigere Schrauben, an denen gedreht werden muss, als den Geldhahn. Ein Beispiel sind die Bachelor-Regelstudienzeiten:

Es ist fast ein Gemeinplatz geworden, dass die Bologna-Reform das 4 jähirge Diplom in einen 3 jährigen Bachelor gepresst hat. Ob das stimmt oder nicht sei dahingestellt, man darf aber wohl davon sprechen, dass sich die Arbeitsbelastung durch die erhöht hat, was sich insofern auswirkt, dass sehr viele Bachelorstudenten – besonders solche, die sich nebenher noch für Aktivitäten außerhalb ihres Fachgebiets, wie Sprachen interessieren – den Bachelor in 7 oder 8 Semstern statt in 6 abschließen wollen. Das stellt für manche auch gar kein Problem dar, die Höchststudiendauer deckt das ab. Ein großes Probem stellt das aber für Studenten aus finanziell schwachen Familien dar. BAFöG gibt es nämlich nur und ausschließlich bis zum Ende der Regelstudienzeit von 6 Semestern. Danach weiterzustudieren wird für Studenten ohne finanzielles Polster unmöglich, es sei denn durch vollverzinste Volldarlehen. Hier werden, genauso wie durch die allgemeinen und für Alle gleichen Studiengebühren, finanziell schwache Familien und Studierende eindeutig stärker benachteiligt.

Natürlich kosten Maßnahmen gegen diesen Effekt am Ende auch Geld, aber der Diskurs muss von einer ganz nderen Seite her geführt werden: Nämlich von der Seite der sozialen Gerechtigkeit.

c) Solche Argumentationsstränge über soziale Gerechtigkeit/Ausgleich gehen aber (oder sind schon seit letztem Winter) verloren. Letztlich wird Interessenpolitik für eine konstruierte Allgemeinheit der Studenten betrieben. Und um das zu stützen beruft man sich dann im Endeffekt auch noch auf ein konstruiertes gesellschaftliches Allgemeinwohl á la „wir brauchen Akademiker für Deutschlands Zukunft“. Man sieht daran, wie der Diskurs die politischen Kommunikationskanäle für andere Probleme verstopft. Niemand redet mehr über Probleme an Hauptschulen, Realschulen (oder über das dreigliedrige System an sich), Ausbildungsstituationen etc. oder wenigstens über die soziale Ungerechtigkeit der Studiengebühren, sondern über fehlende Finanzierung allgemein. Eine kritische Linke sollte diese Diskurse wieder ausgraben.

d) Eng damit Verbunden sind dann auch die gesamten Auffassungen und Vorstellung über die Rolle der Universität in der Gesellschaft und damit auch der Arbeitsweise des gesamten universitären Betriebs.

Eine vollständig von staatsökonomischer oder privatwirtschaflicher Finanzierung abhängige Universität braucht sich gerade eben nicht die Vorstellung machen, einem universalistischen aufgeklärten Bildungsideal entspechen zu können. Besonders zynisch sichtbar wird das an dem gefügelten Label „Unsere Uni“: Das Label suggerriert einen freigeistigen, von äußeren Einflüssen freien Ort unabhängiger Bildung – Was auch der ursprünglichen vagen Idee einer „nicht-ökonomisierten Universität“ entsprach. Mit diesem Label wurde eine das Bild einer „besseren Vergangenheit“ projiziert.

Es sollte aber erlaubt sein, einmal andersrum darüber nachdenken: Vielleicht waren die Universitäten auch früher eben NICHT wunderbare Horte von freigeistiger autonomer Intelligenz. Und vielleicht tragen die Kürzungen in Verbindung mit dem immer zunehmenden Andrang auf die Unis einfach nur kurzfristig dazu bei, dass man diese immer schon vorhanden „Unfreiheiten“ wieder vermehrt spürt. Nur gegen die Kürzungen zu sein ist somit keine Perspektive, die unter dem Label „Unsere Uni“ laufen kann. Viel eher würde man damit ein im tiefesten inneren exklusives System restaurieren, dass die Bezeichnung „Unsere, aber nicht eure Uni“ verdient.

WENN das zutrifft, könnte man sich Gedanken drüber machen, dass die Kürzungen vielleicht nicht nur ein Problem, sondern eine Chance für die Idee der Universität ist. Wenn die Mehrheit der Menschen sich dafür entscheidet, dass ein großer nach außen hin freidenkerischer akademischer Apparat – also das, was man gemeinhin als den großen Humboldt-Mythos hochstilisiert, was sich aber de facto dann doch eher als eine Reproduktionsmaschine sozialer Ordnung erweist – nicht mehr gewünscht ist, sollte man das akzeptieren und als Gelegenheit nehmen: Als Gelegenheit, die Universität aus ihrer zentralen Rolle als Teil des Reproduktionsmechanismus für soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit herauslösen und sie tatsächlich unabhängig und autonom machen: Zu jedermanns Uni. (sh. auch die vielen Kontroversen Debatten der Winterbesetzungen zum Thema Zugangsbeschränkungen etc.)

II. Weitere Punkte anhand von Zitaten aus der Diskussion in der heutigen Vollversammlung Regensburg:

Manche dieser Punkte werden sicher so oder so ähnlich auch morgen im Audimax auftreten. Manche der Redebeiträge sprechen in ihrer Absurdität für sich selbst.

1. Die Uni-Streik bewegung frisst jede vernünftige Bildungspolitischen Perspektiven auf.

Redebeitrag: „Solidarität mit den doppelten Jahrgängen, die ein Not-Abitur schreiben.“

Haben wirklich die Gymnasiasten Solidarität nötig? Man könnte vielleicht eher über Solidarität mit den Hauptschülern, denen von den miesesten Lehrern nie eine Perspektive gezeigt wird außer in Leben im Einzelhandel, Solidarität mit Hartz 4lern die als Arbeitslosen-Reservearmee verwaltet werden und Solidarität mit den Leuten aus den Banlieus und aus der 3ten Welt, aber doch nicht mit Abiturienten!?

2. Thema Profil nach Außen: Welche gesellschaftlichen Fronten wollen/sollen wir aufmachen?

Redebeitrag: „Wir brauchen auch die Solidarität der großen Firmen. Wir werden alle mal führende Positionen in Firmen einnehmen, und die Firmen brauchen uns, deswegen sollten wir ihre Stimmen auch mobilisieren.“

Redebeitrag: -“ Unser Kampf ist Angelegenheit von Allen, die in die höhere Bildung wollen.“

3. Zum methodischen Bewusstsein – Modus operandi plenarium, Öffentlichkeit, Denk-Tabus?

-Für die meisten ist die Vollversammlung ein lustiger Spaß. Nichts gegen Spaß, aber das virulente rumgekaspere und sich-selbst-beweihräuchern ist kontraproduktiv.

-Ebenfalls immer wieder gern: Alle freuen sich, weil jeder mal Bundestag spielen darf. Wohin das praktisch führt, das haben die Winterproteste gezeigt.

– Stichwort Medienwirksamkeit: Ist Medienwirksamkeit ein Wert an sich? Ich meine: nein.

Redebeitrag:„Wir brauchen unbedingt Prominente, die sich für unsere Sache einsetzen.“ -Achja?

Redebeitrag: „Wir müssen radikaler werden und sollten die Gebühren statt auf das Konto der Uni auf Treuhandkonto überweisen“ – Das ist also radikal?

Redebeitrag: „Wenn das so weiter geht, könnten wir ja auch gleich selber rausgehen und an unserer Uni Reparaturen durchführen und die Bibliothek selber managen.“

-Stimmt, genau das könnten wir tun. Warum erscheint das allen so unplausibel?

4. Spiegel: Fachschaftermeinungen und Kommentare aus Regensburg

Erster Sprecher: „Die Kürzungen sind verheerend – sie gefährden den Fortbetrieb der Universität in der derzeitigen Form!“

– Also worüber Reden wir? Die Kürzungen oder die derzeitige Form des Betriebs?

Thomas Jancke, philosophische Fakultät 1: „Wir sollten uns (!) nicht unter Wert verkaufen, Erhöhen statt Kürzen, was wir brauchen ist mehr Geld!“

Mariana Mühlbauer (SprecherInnenrat): „Wir brauchen eine Verbindung von ALLEN gesellschaftlichen Gruppen: Kampf allgemein gegen die Sparpakete. Auch die Atom-Laufzeit-Verlängerung ist ein Sparpaket, mit dem wir als Studenten (!) uns beschäftigen müssen.“

– Das klingt doch ziemlich vernünftig.


Experte von andern Gnaden

Winfried Schulze. Ein Experte für Bildungspolitik? Sieht man sich seine Referenzen an, könnte man das fast denken. Prof. Dr. für Geschichte und Politik, Direktor des Center for Advanced Studies an der LMU, Ex-Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Viele gewichtige Publikationen. Nicht schlecht.

Allein, seinen Äußerungen über die deutsche Hochschullandschaft kann man als interessierter Student möglicherweise nicht viel abgewinnen. Ich bin verdienten Frauen und Männern gegenüber nur äußerst ungern respektlos, aber rundheraus gesagt ist es einfach Quark, was der Mann redet. In diesem Fall hilft auch kein Prof. em. Dr.-Bonus.

Denn: Mehr Geld, mehr Elite, mehr Strukturvorteil, mehr Standortvorteil. Das sind die einzigen Kategorien, in denen Menschen wie Herr Schulze denken können und wollen, wenn sie die Universitäten im Sinn haben. Solange solche Leute im Wissenschaftsrat an den Hebeln sitzen, wird sich dort wohl nichts von alledem verändern, was die Studenten zum wiederholten mal auf die Straßen treibt.

O-ton Herr Schulz in der SZ: „Der richtige Weg kann nicht sein, dass jeder Bachelor-Absolvent im Master Programm studieren kann.“ Und: „Der eigentliche Grund für den Protest ist die strukturelle Unterfinanzierung des deutschen Hochschulwesens.“

Nein. So einfach, Herr Schulze, ist es leider nicht. Der eigentliche Grund des Protests ist NICHT die strukturelle Unterfinanzierung der Hochschulen. Die protestierenden Studenten (wir) wollen NICHT einfach nur mehr Geld. Nicht einfach nur für Geld haben wir uns  im Winter wochenlang in den Hörsälen verbarrikadiert. Nicht Geld stand auf den Papieren und Forderungslisten. Sondern Dinge wie: Zeit, Freiheit, Gelegenheit, Chancen. Chancen zu Projekten, die auch mal danebengehen und sich nicht gut im Zeugnis machen – Unmöglich in einem Bachelorstudiengang, der einem nach 2maligen danebenhauen in Modulprüfungen gleich die endgültige Untauglichkeit bescheinigt. Gelegenheit, auch mal Dozenten und Projekte außerhalb von anonymen Vorlesungen zu Gesicht zu bekommen – Unwahrscheinlich in einer universitären Mentalität, in der Gemeinschaft von Lehre und Forschung gerade noch auf dem Papier und real vielleicht noch für Zehntsemester aufwärts gilt. Freiheit, auch mal in andere Fächer und Veranstaltungen zu schauen, Sprachen und andere Selbstverständnisse kennen zu lernen – Mit 20 Kursstunden (reine Anwesenheit ohne Vor- und Nachbereitung) nur möglich für Sadisten oder Bummler, also entweder für Leute mit Hang zur 120 Stunden Woche oder für solche, die es sich leisten können oder wollen, den Pflichtveranstaltungen keine Aufmerksamkeit zu schenken.
Und Zeit, vor allen Dingen Zeit. Denn Zeit ist die kritische Ressource des Studenten, an der alles hängt, nicht Geld. Wir brauchen keine größeren, schöneren Hörsäle mit ganz viel WLAN, Videobeamer und Klimaanlage. Wir brauchen kein Elite-Austauschprogramm. Und in meinen Augen brauchen wir nicht mal ein Semesterticket. Wir brauchen Zeit. Würde die Regelstudienzeit für den Bachelor wieder auf 4 Jahre erhöht und würde allen, so sie denn wollen, ein Masterstudienplatz zugesagt, man hätte eine ganz neue Generation an motivierten, und wirklich kompetenten Wissenschaftlern, statt halbgebildeten mehr oder weniger subversiven Schwätzern, die in Weblogs über renommierte Staatsdiener lästern. Ähem.