Arts Vivants

Das heiße Pflaster

Eine kleine Gesellschaft vor einem Café im Sommer. Paris, Quartier Latin. Es ist sehr heiß, alle sind erschöpft, natürlich, von der erdrückenden Sommerhitze, August. Sie tun nichts, außer sich locker zu unterhalten, doch es scheint alles unendlich anstrengend zu sein. Mühsam schaufeln sie sich durch ihre Gespräche, Metaphysik, Semiotik, Differenz, doch sie streifen alle Themen nur am Rande, selbst mit größter Anstrengung dringen sie kaum mehr als nur zur äußersten Oberfläche der Themen vor.. Es ist unerträglich, aber sie können auch nicht einfach aufhören. Sogar, wenn für eine kurze Zeit nichts gesagt wird, erscheint es unendlich anstrengend. Und sogar, wenn sie sich darüber verständigen, jetzt nur einfach mal nichts zu sagen, bleibt unerträglich. Nicht etwa, weil ständig der eine oder andere das Schweigen brechen würde – es ergibt sich nur ganz von selbst, und ohne jede Emphase, dass das Gespräch sich weiter fort schleppt. Kraftlos, doch mit unnachgiebigem Druck setzt sich das Beisammen-Sein immer weiter fort.

Eine Bedienung des Cafés erscheint und möchte kassieren. Einer der Männer aus der Gesellschaft sagt, sie hätten sich soeben erneut darauf verständigt, für eine weile nicht mehr zu sprechen und könnten also auch im Moment nicht zahlen. Die Bedienung meint, sie könnten ja soviel schweigen, wie sie wollten, aber ihre Getränke müssten sie jetzt bei ihr bezahlen. Es geht ein wenig hin und her, bis auch die wenige Energie der Bedienung erschöpft ist und sie sich auf einen nahe stehenden Barhocker sinken lässt. Eigentlich möchte sie ja nur erzählen, wie sie das immer macht, wenn sie daheim in ihrer Studentenwohnung – diese wäre im Sommer auch sehr heiß – sitzt, einfach, um diesen müden Haufen (und sich selbst) wieder ein wenig anzuregen (sie möchte ja doch gerne kassieren und ihre Schicht beenden), doch sie kommt gar nicht dazu, ihre Methode zu erklären, denn Worte gerinnen ihr im Mund, wollen keine vernünftigen Sätze formen, bleiben ihr im Halse stecken und fließen ihr die Kehle zurück nach unten.

Natürlich hat jeder seine eigene Methode davon, wie man mit der Hitze fertig wird. Manche versuchen tatsächlich, den anderen ihre Methoden zu erläutern – manche mehr, manche weniger enthusiastisch, manche insistieren fast diktatorisch auf ihren Lösungen, alle weder sonderlich abstrus, noch besonders einleuchtend sind. Keine der Ideen regt zu längeren Auseinandersetzungen an, keine von ihnen– auch nicht die abstrusen – rufen erwähnenswerte Ablehnung hervor. Doch der Unterschied zwischen solchen, die sich bedrängt fühlen (von der Hitze, natürlich) und deshalb manchmal aufbrausend reagieren und solchen, die von vornherein und mit voller Absicht ihre donnernde Persönlichkeit ausspielen, verschwimmt im Flirren des Asphalts.

Es kommen außer der Bedienung noch zwei Bekannte der Gruppe hinzu, die vor der brennenden Hitze unter die Schirme des Cafés flüchten. Zunächst glaubten sie, die Rettung nur durch den Eintritt und ein kaltes Getränk  erlangen zu können – ein Glas Leitungswasser, für den einen, eine doppelte Mango-Kirsch-Bananen-Kiwi Fruchtmagie auf Eis, für den anderen – die Bedienung bringt es schnell, sie schafft es aber kaum, noch aufzustehen (warum auch?). Kaum, dass sie die Getränke gebracht hat, fällt sofort rückwärts in einen der Stühle, kassieren wird sie einfach später, Kraft hat sie dazu keine mehr, geschweige denn Interesse. Auch die beiden neuen Gäste merken schnell, dass weder ihre Flucht, noch ihr (größerer oder kleinerer) Genuss die erhoffte Erlösung bringen. Jetzt fühlen sie sich gefangen, ohne dass sie selbst in die Falle gegangen wären. Die Falle kam auch nicht über sie, die Falle war schon da, schon immer da – sie waren selbst die Falle, die Anderen waren selbst die Falle, und das heiße Pflaster sieht auf einmal ganz verführerisch aus. Doch dann sieht man wieder, wie die Leute – barfuß – von einem heißen Pflaster zum nächsten Springen, wobei sie versuchen, die Fugen im Stein zu treffen, um ihre Füße zu schonen, und so bleibt man in der Gesellschaft doch im Schatten sitzen. Eine junge Frau rutscht sogar vor lauter Hüpfen aus und fällt hin, rappelt sich aber sofort wieder hoch – das heiße Pflaster! – und hüpft weiter davon.

Die Runde sitzt um mehrere Tische verteilt, in deren Mitte etwas größere Sonnenschirme befestigt sind. Die Schirme sind nicht zu klein und Spenden ausreichend Schatten, allerdings sind sie auch nicht gerade sehr groß und massiv, und der Rand, der Ausschnitt, das negative Origami der sonnendurchfluteten Welt kommt unangenehm nahe, alle Rücken nahe am Tisch zusammen, um nur dem direkten Sonnenschein nicht zu Nahe zu kommen. Die Füße stoßen nicht gerade aneinander, aber man muss schon ein wenig darauf Acht geben. Trotzdem berühren sich die Füße, man tauscht zunächst alle Sorten von nervösem Gelächter und Floskeln darüber aus, dann Lächeln, dann schlaffes Grinsen, später nimmt man kommentarlos hin, selbst wenn sich die Beine in geradezu obszöner Weise verschränken, was überhaupt nichts sexuelles oder verführerisches hat – nur das Entwirren der Gliedmaßen würde noch mehr beanspruchen, als einfach die Hitze, den Schweiß und die klebrige Haut zu ertragen.

Ein Wind kommt auf, nicht leicht, sondern ungewöhnlich schnell, jedoch nicht übermäßig stark. Es reicht jedoch, um ein wenig an den ungünstigen Schirmen zu zerren und die Tische, in denen die Schirme befestigt sind, etwas durchzurütteln. Man bekommt den Eindruck, die Tische allein könnten die Schirme gar nicht halten, ein Gedanke, den die Bedienung mit letzter Kraft und in den Nacken gelegten Kopf aus Erfahrung bestätigt. Die kleine Gesellschaft rückt also noch mehr zusammen, um die Füße noch ein wenig mehr auf die Tische zu stemmen und die Hände locker, aber bestimmt auf die Tischplatten zu legen, bereit, sie zu packen, wenn ein größerer Windstoß vorbei wehen sollte. Doch der Wind bringt überhaupt keine Erleichterung. Zunächst scheint es unserer kleinen klebenden Gesellschaft, als würde der Wind nur die noch viel heißere Luft von der Straße vor ich her treiben. Doch dann merken sie, dass der Wind sie gar nicht mit heißer Luft nieder drückt, sondern es ihnen im Gegenteil fast so geht wie ihren Schirmen: Sie werden gezogen, ja fast gezerrt, es drängt sie, mit dem Wind zu gehen und gleichzeitig sich davor zu schützen. Man fühlt sich zunehmend unwohler, bei manchen kann man ein paar verhuschte nervöse Ticks beobachten, ein junger Student nickt ständig in ohne Grund in unregelmäßigen Abständen, nur ein kurzes Zucken, wie wenn er sich alle paar Sekunden kurz vergewissern müsste, dass er gerade wacht und nicht etwa träumt, und sein wachen mit einem kurzen introvertierten Nicken für sich markiert. Die kleine Runde fühlt sich zerfließen, sich zerschmelzen, der Wind hat alles, alles nur noch schlimmer gemacht. Es geht ihnen wie dem Wasser in den Kochern der Bergsteiger, dass in den Höhenlagen schon unter 100° zu Sieden beginnt – sie haben das Gefühl, gleich zu verdampfen, wenn der Wind den Druck auch nur noch ein bisschen sinken lässt.

A suivre.

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E.H.


Eiskalt…

.. ist es am 19ten Dezember in München. Wird also ein langer Weg werden bis zum Kafé Kult, wo des Nachts wohl noch die abgefahrensten Dinge rechts der Isar passieren sollen.

Teil 1: Antithese

Dynamischer Eintritt: Bis um 21 Uhr wird gewürfelt, danach sieben Euro. Ich komme mit 1 € denkbar günstig weg, hätte aber auch ohne zögern 10 € bezahlt. Das Line-Up kann sich schließlich sehen lassen, mit Riot Reiser und der Damenkapelle verspricht der Abend wunderbar kaputt zu werden.

Den Anfang macht die solide kleine Standard-Rock-Band Silverflies. Männer mittleren Alters lassen die Akkorde schrammeln und singen über das „latest fashion victim“ – witzig, der Sänger trägt selbst eines dieser typischen, mit blauem Leder beschulterten Rockabilly-Hemden, das gar nicht recht zu ihm passen mag. Überhaupt passt alles  nicht so ganz – auf dem Bodensatz-Festival braucht man sich doch nicht für ein Feedbackquietschen entschuldigen und schon gar nicht ständig die Instrumente stimmen. Soweit  so gut, jedoch ist der bisher tiefste Eindruck des Abends bis jetzt deswegen aber erst mal nur die Kälte, die auch innen nicht so recht aus den Stiefeln heraus kommen will.

Mittlerweile ist aber auch die große Bühne eröffnet und die Formation Pig-Skin-Pink, ebenfalls vier Kerle, starten mit ihrem Rock-Set. Es klingt zeitweise fast ein wenig nach Britpop, trotz hin und wieder recht ansehnlicher Sound-Tiefe werden die Manchesteresquen Chorus-und-Feedbackeskapaden aber immer nur für ein paar Sekunden durchgehalten. Trotzdem ganz nett. Außerdem gewinnen der Bassist und der Sänger überraschend in der Kategorie „Outfit“: Sie sehen Jay & Silent Bob so beängstigend ähnlich, dass man nicht weiß, ob es sich um einen Gag handelt oder nicht.

Derweil war auf der kleinen Bühne das Set von – hm, keine Ahnung – fertig aufgebaut. Mit hübscher, aber unterforderter weiblicher Gesangsstimme gab die Band auf ihrem – nach eigener Angabe – ersten Auftritt überhaupt ruhige Songs zum besten, die sich vor allem durch die kleinen, aber feinen Experimente an den Effektgeräten des Gitarristen auszeichneten. Doch Alles umsonst, denn bald sollten auf der großen Bühne Riot Reiser zum Appell antreten. Umziehen: Deutschland-Hosenträger. Nach viel Soundcheck-Spaß mit dem Mischpult füllte sich die Halle schnell: „Hab ichs schon verpasst?“ Die Ansage kommt. Der Gitarrist kommt nicht – Trauerfall.

Reiser: Trotzdem. Wahnsinniger Start. Der Sänger ist nicht zu sehen, er liegt hinter dem Schlagzeug. Das gefällt. Die Ekstase höchstselbst ist nach der ersten Gesangszeile sofort schreiend aus dem Raum geflüchtet und versteckt sich jetzt weinend daheim im Keller, während der Sänger mit extremer Energie durch den Saal rennt. Schlagzeug und Bass sind voll da, dass etwas fehlt merkt man nicht unbedingt. Nach fünf Minuten wird die vocals-section gekonnt in die Stahlkonstruktion an der Decke verlegt. „Wie ein Faultier“ hängt Tobi (voc) die nächsten zehn Minuten rum und brabbelt ins Mikro. „Ihr wollt uns doch verarschen“, feixt das Publikum. „Das ist doch keine Kunst“, schreit ein anderer. Doch am Tonfall ist zu hören: Was er eigentlich meint ist: „Das ist das beste was ich je gesehen habe“. Recht hat er. Nach noch zwei, drei, sieben Nummern über Krieg, einer Liebesode an die Polizei und noch mehr Spaß mit allerlei spitzen, langen Gegenständen sowie kitschigem Cellophan-Papier schmeißt Tobi das Mikro hin: „Hab mich geärgert. Hab keine Lust mehr.“ Das Konzert ist aus. Genial. Man hat mal gesagt, dass es nach Hegel keine Philosophie mehr geben könnte. Das war zwar falsch, aber man könnte dasselbe über diesen Abend sagen: Es gibt keinen Punk mehr nach Riot Reiser. Und Musik sowieso nicht.

Nachdem Riot Reiser erfolgreich alles destruiert hatte, was man Kunst, Musik oder sonstwie nennen könnte, wächst fernab der Trümmer auf der kleinen Bühne indes schon etwas ganz neues: Der geniale, blutjunge Künstler für elektronische Musik AGIKAKALUNA entwirft – ausgestattet mit nicht viel mehr als einem kleinen Mischpult, drei uralten Gameboys und einer Triola – abgefahrene Klangwelten, durchaus zum tanzen, aber weit jenseits klassischer Elektromucke. Klingt ein bisschen wie Prodigy ohne die Professionalität und die Geschwindigkeit, klingt natürlich nach Gameboys, Zelda und Mario, aber auf jeden Fall klingt es ganz, ganz geil.

Frl. Jablonski sollte mit ihrer Damenkapelle später am Abend eine schön-schauerliche Synthese  abliefern, die sich gewaschen hatte.  -> Teil 2.


Leisure With Jackie